• vom 12.09.2018, 15:31 Uhr

Bühne

Update: 12.09.2018, 15:47 Uhr

Theaterkritik

Teufelskerl allein zu Haus




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Von Petra Paterno

  • Nicholas Ofczarek marschiert durch Klaus Manns "Mephisto", die Burg-Aufführung erstarrt in Pose und Behauptung.




© Reinhard Maximilian Werner © Reinhard Maximilian Werner

Nachtschwarze Bühne. Ein schmaler Streifen Licht fällt auf einen Mann in weißem Anzug. Er setzt sich an den Bühnenrand und spannt ein Blatt Papier in die Schreibmaschine, tippt, die Buchstaben leuchten im Bühnenhintergrund auf: "M e p h i s t o". Beim letzten Buchstaben, der auf das Papier schlägt, erscheint Nicholas Ofczarek - und das Spiel nimmt seinen Lauf: Das Burgtheater eröffnet seine diesjährige Spielzeit mit der Dramatisierung von Klaus Manns Roman "Mephisto".

Mit dem Elan eines Hochleistungssportlers marschiert Ofczarek auf einem Laufband einher, das er die kommenden dreieinhalb Stunden kaum je verlassen wird. Sein weiß geschminktes Gesicht, messerscharfer Augenbrauenstrich, lässt von Beginn an keine Fragen offen: An diesem Abend ist ein Gustaf-Gründgens-Lookalike am Werk, fallweise zieht Ofczarek als Hendrik Höfgen die Lippen knallrot nach, er gibt den "Clown zur Zerstreuung der Mörder", den Klaus Mann in seinem Roman so treffend beschrieben hat.

Information

Theater
Mephisto
Burgtheater
Wh., 13., 22., 25. Sept

Am Laufband der Macht

Schwarz und Weiß, das sind die dominierenden Farben der Aufführung. Die allzu schnell durchschaubare Gut-und-Böse-Mechanik bestimmt nicht nur die stilbewusste Ausstattung (Bühne: Peter Baur; Kostüme: Annabelle Witt), sondern grundiert auch - nicht nur zu ihrem Vorteil - die Bühnentextfassung, die in zentralen Punkten von Manns Roman abweicht. Regisseur Bastian Kraft hat die Dramatisierung selbst besorgt - und buchstabiert das Geschehen überdeutlich aus. Auf Grautöne wird verzichtet. Seelische Abgründe? Zweideutigkeiten? Fehlanzeige.

Präsentiert werden grelle Effekte und Theaterbilder, die in ihrer Schlichtheit kaum zu überbieten sind - das omnipräsente Laufband, auf dem Ofczarek zugange ist, zeigt in der Regel in stumpfem Winkel nach oben. Vorsicht, Sinnbild: Karriere als Durchmarsch. Nach der Pause nimmt Höfgens Laufbahn unter dem Schutz der NS-Granden zusätzlich Fahrt auf - Ofczarek zappelt an Fäden marionettengleich über dem Laufband.

Der Rechtsruck der Gegenwart wird derzeit fast inflationär mit den Weimarer Verwerfungen in den 1930er Jahren gleichgesetzt. Vielleicht erlebt "Mephisto" auch deshalb seine Bühnenrenaissance, bei der in Bonn und Frankfurt der Aufstieg der rechtspopulistischen AfD auf der Bühne thematisiert wurde. Die Wiener Inszenierung bleibt von derlei Aktualitäten unberührt, worauf die Regie hier stattdessen abzielte, bleibt offen.

Pakt mit dem Teufel

Klaus Manns 1936 im Exil publizierter Roman "Mephisto" erzählt vom Aufstieg des Schauspielers Hendrik Höfgen, von den Anfängen im Hamburger Künstlertheater bis zur Ernennung zum Staatsschauspieler und Berliner Theaterintendanten im Dritten Reich. Mit Höfgen entwarf Mann in seinem berühmtesten Buch den Mustertypus des Karrieristen, der für Erfolg und Geld zu jedem Verrat bereit ist: Der Autor machte nie einen Hehl daraus, dass die deutsche Theaterlegende Gustaf Gründgens (1899-1963) Pate stand. Wobei das Buch weniger skandalumwittertes Schlüsselwerk denn ein Sittenbild Deutschlands zu Beginn der NS-Epoche ist.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-09-12 15:42:06
Letzte Änderung am 2018-09-12 15:47:45


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