Im Landestheater St. Pölten wird der Finger in die große Wunde der Zeit gelegt. Bertolt Brecht würde sein Parabelspiel "Der gute Mensch von Sezuan", 1943 in Zürich uraufgeführt, heute wohl "Der Gutmensch von Sezuan" nennen. Als Kommunist setzte er auf materialistische Ethik als Antwort auf das rigorose Gebot der christlichen Caritas – auch wenn er sein Exempel von selbstschädigender Nächstenliebe im buddhistischen Fernost ansiedelte.

Das Mädchen Shen Te, durch Armut in die Prostitution gezwungen, besteht als Einzige vor drei Göttern auf Gutmenschensuche die Probe: Sie gibt ihnen Quartier. Vom Lohn dafür kauft sie einen Tabaksladen. Ihr neues Dach teilt sie mit Obdachlosen, die sich bald als Diebe und Schmarotzer erweisen. Sie überlebt nur, indem sie als ihr hartherziger Vetter Shui Ta – eine Kapitalisten-Karikatur – streng durchgreift. Der Pilot – Symbol für schwereloses Freisein – in den sich die Gute verliebt, erweist sich als Falott.

"Gut zu sein und doch zu leben / Zerriss mich wie ein Blitz in zwei Hälften", sagt Shen Te. Zerrissen fühlen sich heute viele Gutwillige: Für "Einzelfälle" öffnen sie ihre Herzen, doch als Masse sehen sie in Flüchtlingen die Bedrohung von Wohlstand und Sicherheit. Einer der Götter Brechts resümiert: "Ich fürchte, es muss alles gestrichen werden, was wir an sittlichen Vorschriften aufgestellt haben". Im Kapitalismus, so die Lehre aus Brechts Fabel, zwingen die Umstände, schlecht zu sein – damit man sich ab und an den Luxus des Gutseins leisten kann. Hat noch jemand mit der Abwehr von Flüchtlingen ein Problem?

Regisseur Peter Wittenberg, ein Hamburger auf Walz über deutsche und österreichische Bühnen, reduziert den Text auf die Möglichkeiten des kleinen Ensembles. Brecht selbst strich in einer späteren Fassung ganze Szenen. Doch reißt der rote Faden der Erzählung manchmal ab. Ganze Lieder und lyrische Aufschwünge aus dem Alltagssprech sind gestrichen. Auch wunderbare Zeilen wie "Sieh den grauen Rauch / Der in immer kältre Kälten geht: so / Gehst Du auch." Noch nicht von Brecht, doch dessen notorischer Ausbeutung von Frauenkraft gerecht, ist der Aufruf "not me".

Das Regelwerk der "epischen" Dramentheorie – Distanz von der Rolle, Einzelbilder ohne Anfang und Ende – bricht ein, wenn Stefano Bernadin als Flieger den Typ des schmierigen Latin Lovers überstrapaziert und Lili Epplys schöne schmale Stimme in der berühmten Doppelrolle zu laut wird. Bernadin schlüpft auch rasch in Frauenkostüme, Epply wechselt den Goldglitzermorgenmantel der Nutte anstandslos mit dem Business-Anzug (Kostüme: Cedric Mpaka). Sie beide ergänzen als Gäste das kleine Hausensemble, aus dem sich Bettina Kerl, Josephine Bloéb, Tobias Artner und Tobias Voigt 17 Rollen teilen. Bernhard Moshammer ersetzt mit Gitarren-Glissandi das Bühnenorchester, für das Paul Dessau die Noten schrieb. Ein an Episoden überreiches Drama mit Musik, in dem viel Wort heute nur mehr papiern raschelt, ist reduziert auf publikumsfreundliche Länge.

Am armen Wasserverkäufer Wang – Tim Breyvogel stark mit Jesusjüngerblick – demonstriert Brecht die Tücken der Marktwirtschaft: Sobald es regnet, ist seine Ware wertlos. Peter Wittenberg lässt von Beginn an viel Wasser auf die Spieler rieseln. Als Effekt schon abgenutzt, doch schafft er so Distanz, Verfremdung. Die Götter schützen sich durch Regenhäute, Gummistiefel. Dem Mensch im Unglück ist auch das Nass egal. Bis auf den Mineralwasserflaschen schleppenden Wang. Lauter Applaus für das Spektakel. Stilles Einverständnis, vielleicht, mit dem Angebot, ethische Empfindlichkeitsschwellen herunterzusetzen.

Der gute Mensch von Sezuan
Von Bertolt Brecht
Peter Wittenberg (Regie)
Mit Tim Breyvogel, Lili Epply, Tobias Artner u. a.
Nö. Landestheater St. Pölten
www.landestheater.net
Wh.: Bis 15. Dezember. Am 20., 21. November Bühne Baden