Die Verwandlung eines öden Fleckens Erde in ein mystisches Zauberreich kann viele Gesichter und Formen haben - auch jenseits von Klischees eines blühenden, verwunschenen Gartenreiches. Eines sollte ein solches jedoch auf jeden Fall versprühen: Zauber. Den kann man in der aktuellen "Alcina"-Produktion im Theater an der Wien mit der Lupe suchen. Denn Regisseurin Tatjana Gürbaca und Ausstatterin Katrin Lea Tag zeigen die Insel der mächtigen Zauberin Alcina vom ersten Bild an als karge Felsenlandschaft vor einem ebenso grauen Meereshorizont. Dass aus dem Steinboden eine Handvoll Blumen sprießt und die Mitte ein müdes Bäumchen ziert, hilft da auch nicht.

Die Geschichte der Magierin, die Seeleute stranden lässt, sie als Liebhaber in ihren Bann zieht und sie, ihrer überdrüssig geworden, in Pflanzen, Tiere oder Steine verwandelt und die erst durch ein wahrhaft liebendes Paar entzaubert wird - diese klassische, viel vertonte Geschichte bietet eine Vielzahl an Deutungen oder auch nur Einbettungen. Vom verwunschenen Märchen über die psychoanalytische Lesart bis zu Kapitalismuskritik.

Kein Risiko

Gürbaca scheute offenbar das Risiko, das in all diesen Konzepten gesteckt hätte. Sie setzt auf kleine Andeutungen in der Ausstattung und Ideen, die bei weitem nicht alle aufgehen oder Sinn machen. Sonst zieht sie sich auf hochästhetische, aber letztlich blutarme wie nichtssagende Bilder zurück. Die Bühne kann Funken sprühen und Wasser regnen. Zauber entsteht alleine daraus aber keiner.

Auch die Personenführung ändert daran wenig. Marlis Petersen ist eine gesanglich überzeugende, strahlende, aber sonst nicht besonders mächtige Alcina. Die teils wirren und von Täuschung geprägten Liebesbeziehungen sind nicht immer nachvollziehbar, geschweige denn glaubhaft. Dass die beiden geprüften Liebenden Morgana und Oronte sich ein blutiges Herz aus der Brust reißen, das sie sogar zu begraben bereit sind vor der Versöhnung, ist einer dieser in der Luft hängenden Einfälle. Dazu wird geschaukelt, viel im Kreis gegangen in der sich drehenden Steinlandschaft, und es werden platte Sexualklischees bemüht. Der verhexte Ruggiero muss sich ständig ausziehen, die Frauen dürfen am Rücken liegend mit gespreizten Beinen ihre Unterwürfigkeit zur Schau stellen. Was von dieser Inszenierung bleibt, ist ein hübsches Nichts.

Auch musikalisch hat Barockoper am Theater an der Wien schon mehr verzaubert. Dirigent Stefan Gottfried am Pult des Concentus Musicus lässt einen duftigen Händel erklingen, vor allem die Continuo-Gruppe musiziert stilvoll und atmosphärisch. Zu mitreißendem Musiktheater verdichtet sich das Spiel der Musiker jedoch nicht bei der Premiere am Samstag. Gottfrieds Lesart ist vor allem sorgsam, vieles wirkt jedoch zerdehnt statt fokussiert. Marlis Petersen als vokal solide Titelheldin und die präsent singende wie spielende Mezzosopranistin Katarina Bradić als ihre Gegenspielerin Bradamante führen ein solides Ensemble an. Counter David Hansen als Ruggiero, der Mann zwischen diesen starken Frauenfiguren, setzt vor allem auf vokale Effekte. Alcinas Schwester Morgana ist mit Mirella Hagen lyrisch, aber etwas klein besetzt.

Wo von Anfang an kein Zauber blüht, dort funktioniert auch die finale Entzauberung nicht. Ein lauer Saisonauftakt.