Eine Mesalliance mit tragischem Ende: Adrian Eröd als Diener Jean. - © Armin Bardel
Eine Mesalliance mit tragischem Ende: Adrian Eröd als Diener Jean. - © Armin Bardel

Eine Prozession aus düsteren Gestalten, die Gesichter von schwarzen Masken bedeckt, windet sich durch das Publikum. "Gloria in excelsis deo", intonieren sie in klarem Kontrapunkt. Auf der Bühne gruppieren sie sich um ein Podest, auf dem sich zwei Menschen entkleiden. In einer erotischen Choreografie mimen die beiden die körperliche Vereinigung, während der Chor sie mit Gesten der Huldigung bedenkt - oder ist es ein Opferritual? Der Mittelpunkt der Oper "Julie & Jean" von Gerhard Schedl ist zugleich der Wendepunkt, an dem sich die Kräfteverhältnisse verkehren und der unaufhaltsame Abstieg beginnt.

Im Zentrum der Handlung, die an August Strindbergs Drama "Fräulein Julie" angelehnt ist, steht eine klassische Mesalliance: die Liaison zwischen der betuchten Julie und dem Diener Jean. In der Inszenierung von Carlos Wagner, die am Mittwoch als Produktion der Neuen Oper Wien Premiere hatte, vollzieht sich die Verführung in einem Party-Ambiente: Bühnenbildner Andrea Cozzi macht sich die architektonischen Besonderheiten des Semperdepots zunutze, indem er die Säulenhalle in einen Ballsaal verwandelt. Anna Maria Pammer agiert zunächst als selbstbewusste Verführerin, die Adrian Eröd alias Jean seine Unterlegenheit spüren lässt. Doch in ihrer Liebe zu Jean findet sie sich plötzlich in ein tragisches Abhängigkeitsverhältnis verstrickt.

Normen der Gesellschaft

Gerhard Schedl, der freiwillig aus dem Leben schied, konnte die 2003 erfolgte Uraufführung seiner letzten Oper nicht mehr erleben. Mit Strindbergs Kammerspiel bediente sich der Komponist an einem Stoff, der in der modernen Frau eine klare Schuldige für die Tragödie identifiziert. Mit seinem Librettisten Bernhard Glocksin bereinigte Schedl die Handlung von offenkundiger Misogynie und ergänzte sie um einen Chor, der die Normen der Gesellschaft repräsentiert. Von der Intimität der heimeligen vier Wände wird der Plot damit ans grelle Licht der Öffentlichkeit gezerrt.

Westasiatische Götter

Ein weiteres Gegengewicht zum Strindberg’schen Naturalismus bilden Traumsequenzen, in denen sich das Paar in den Gestalten westasiatischer Gottheiten begegnet. In Wagners Inszenierung werden die Rollen von Jean und Julie hier von einem Tänzer und einer Tänzerin übernommen. Dank den Möglichkeiten der Vertikaltuchakrobatik entstehen so Szenen von großer visueller Eindringlichkeit, die den Machtkampf des Paares als waghalsigen Tanz um Sex und Tod visualisieren.

Schedls Musik schmiegt sich diesen unterschiedlichen Ebenen in einer Weise an, die das Gegenteil stilistischer Reinheit darstellt: Dem harschen Alltag zwischen Julie und Jean eilt eine nervöse Musik voraus, deren expressionistische Aufgewühltheit die Wahrheit des Liebesverhältnisses als Kampf enthüllt. Geht mit den Traumsequenzen zumeist ein schlicht-diatonisches Idiom einher, so komponierte Schedl die Interventionen des Chores (ätherisch: der Wiener Kammerchor), der mit Ausnahme des Sanctus das gesamte Messordinarium zum Besten gibt, in astreinem Renaissance-Kontrapunkt. An den Übergängen zwischen realistischer Interaktion und deren Sakralisierung durch den Chor kommt es so zu spannungsreichen musikalischen Vermischungen, vom Amadeus-Ensemble unter der Leitung von Walter Kobéra kongenial interpretiert.