Vorsicht: Grenzüberschreitungen. Das Kulturfestival "Wienwoche" setzt sich noch bis 23. September mit Grenzen und Schleichwegen auseinander. Einer der Höhepunkte dürfte wohl die Uraufführung von Alireza Daryanavards Stück "Ein Staatenloser" sein (Freitag, 21. September, Werk X Petersplatz).

Der Monolog basiert auf Erlebnissen des iranischen Schauspielers, der 2014 nach Wien emigriert ist. Das von ihm selbst verfasste Stück vereint Kindheitserinnerungen und Fluchtberichte, es changiert auf packende Weise zwischen hier und dort, zwischen Weggehen und Ankommen.

"Wiener Zeitung":Wie wurde Ihr Interesse an Kunst geweckt?

Alireza Daryanavard: Am Anfang war der Koran. Ich war Koran-Sänger und begeistert davon, etwas für andere vorzutragen. Dann bekam ich Rollen im Fernsehen, ich war Jugenddarsteller in einer Serie, später kamen Theater und Radio dazu. Binnen kürzester Zeit hat sich meine Welt dadurch komplett verändert. Der Austausch mit Künstlern und Intellektuellen hat mir die Augen geöffnet. Bücher habe ich mir am Schwarzmarkt besorgt, was nicht ungefährlich war. Die Kunst wurde für mich so zu einem Ort der Freiheit. Für mich eine völlig neue Erfahrung, meine Familie ist konservativ und gläubig.

Die Verfolgung als Theatermacher im Untergrund zwang Sie schließlich zur Flucht. Warum haben Sie sich für Wien entschieden?

Das war purer Zufall. Ich hatte kein Ziel, meine Flucht war ungeplant, ich musste meine Heimatstadt Boushehr unvorbereitet und überstürzt verlassen. Die erste Station im Ausland war Istanbul. Das war ein Schock. Schritt für Schritt ging es dann weiter. Angekommen in Wien, dachte ich mir nur: Hier bleibe ich, weil ich nicht mehr weiter kann. Es war die Hölle. Heute bin ich froh, dass ich mich so entschieden habe.

Wie war es am Anfang in Wien?

Es war hart, ein echter Kampf. Aber ich war sehr motiviert, und wollte unbedingt wieder am Theater arbeiten.

Wie haben Sie so gut Deutsch gelernt?

Brecht hat mir dabei geholfen. Ich hatte eine Ausgabe seiner Texte auf Farsi und Deutsch, die habe ich studiert. Seine Stücke mochte ich schon, als ich noch im Iran war, aber als ich sie auf Deutsch verstehen konnte, haben sie mir noch besser gefallen. In Brechts Texten liegt viel Wahrheit. Einige seiner Gedichte habe ich auswendig gelernt, mein Lieblingsgedicht ist "An die Nachgeborenen".

Was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat ist für mich nur ein Wort. Idealerweise mag es ein Ort sein, an dem man sich frei fühlt.

Wie beurteilen Sie die politische Situation in Österreich?

Gewisse Mechanismen erinnern mich an die Rhetorik von Diktaturen: Zuerst wird die Lage des Landes wesentlich schlimmer dargestellt, als sie eigentlich ist, dadurch werden Ängste gezielt geschürt. Als Nächstes verspricht man eine Lösung für "unser Land" und "unsere Bürger", und schließt schon in der Formulierung Teile der Bevölkerung aus. Aber wer ist eigentlich das Volk? Reden wir von den Steuerzahlern, dann gehören der türkische Kebabverkäufer und der iranische Schauspieler genauso dazu. Moderne Nationen sind eben multikulturell geworden.