Mit Grabesstimme und Gothic-Arrangements: Laibachs "Sound Of Music". - © Jasper Kettner
Mit Grabesstimme und Gothic-Arrangements: Laibachs "Sound Of Music". - © Jasper Kettner

Es gab Zeiten, da bekamen die Grazer noch aus anderen Gründen als Feinstaub die herbstliche Schnappatmung. Etwa, als Passanten in den 70ern auf offener Straße lautstark über die Plakate des Steirischen Herbstes schimpften ("Des is ka Oasch, des is ka G’sicht, des is goa nix!"). Als die Skulptur "Der rostige Nagel" 1985 vor dem Stadtparkbrunnen in den Boden gerammt wurde ("Verschandelung des Ortsbilds!"). Oder als Theaterberserker Christoph Schlingensief 1998 Sandler zum Wettsitzen auf Pfählen einlud ("Weg mit dem Piefke!"). Seitdem wurde es zunehmend ruhiger um das einstige Avantgarde-Festival, bis es zuletzt eher als das freundliche Hipster-Treffen von nebenan positioniert wurde. Das aufrührerische Potenzial und die Themenführerschaft hat man bereits an das jüngere und modernere Elevate-Festival abgeben.

Genug vom Mittelmaß


Die neue Intendantin Ekaterina Degot scheint offensichtlich genug zu haben von Beliebigkeit und Mittelmaß. Das Programm wurde gestrafft und mit dem Schwerpunkt auf Eigenproduktionen reduziert, der Habitus des Festivals präsentiert sich deutlich kantiger und politischer als zuletzt. Der Eröffnungstag scheint bereits vorwegzunehmen, worauf die aus Russland stammende Chefkuratorin in ihrer ersten Amtszeit hinauswill: An symbolträchtigen Orten wurden Programmpunkte präsentiert, die großteils politisch aufgeladen und teilweise irritierend wirken, gleichzeitig jedoch auch immer zum Dialog einladen. Ob dieser auch angenommen wird, ist eine Frage, welche die Eröffnungsrede der Intendantin am Grazer Hauptbahnhof eher unbeantwortet ließ. Denn während Degot pointiert vor den Gefahren eines aufkeimenden Faschismus warnte und dabei die Passanten auch direkt ansprach, eilten diese zumeist schnurstracks zu ihren jeweiligen Zügen.

Insgesamt jedoch war der Publikumszuspruch - und das gilt für den gesamten Eröffnungstag - weitaus höher als ursprünglich erwartet. Der Auftakt wurde mit Bedacht gewählt: Dass der Bahnhofsvorplatz auch Europaplatz heißt, ist für die Herbst-Intendantin nicht nur symbolisch, sondern auch bezeichnend für die zunehmende Ignoranz gegenüber dem europäischen Projekt: "Tatsächlich gibt es viele Europaplätze in Europa, die seltsamerweise oft an Bahnhöfen liegen, als befinde sich Europa stets anderswo und immer mindestens eine Zugreise weit entfernt. Europaplätze sind in der Regel Nicht-Orte." Die anschließende Prozession des US-Aktionstrupps Bread And Puppet Theater ging vom Bahnhof durch die Keplerstraße bis zum Mariahilferplatz - exakt jene Route, die einst auch Adolf Hitler bei seinem Triumphzug in die Stadt nahm.