Wien. Seine Selbstbefreiung verkündet das doppelt missbrauchte und doppelt missbrauchende Weib ohne Namen mit Gebrüll: "Jetzt bin ich da!" Denn Karl Schönherrs alpenländisches Dreiecksdrama vom lendenlahmen Schmuggler, der um Lust und Kinder betrogenen Ehefrau und einem jungen Zollwachter endet mit dem Triumph des unbändigbaren "Weibsteufels": Der Gatte tot, sein Vermögen einkassiert, der Galan in Feldgrau ein Eifersuchtsmörder zum Wegsperren. Schlau der eine, stark der andere Männertyp. Beide entwürdigten die Frau als Instrument: der Alte für sein verbotenes Geschäft, der Junge für einen Stern am Kragenspiegel. Femina rächt sich. Und begeistert das mehrheitlich junge und weibliche Premierenpublikum. Obwohl das Programmheft an Schönherrs NS-Belastung erinnert.

Surreales im "Black Cube"

Tirolerstuben-Kulisse in Weichholz war gestern. In der neuen Volkstheater-Tour durch Wiens Bezirke hebt das Zwei-Kater-eine-Maus-Spiel von Schönherrs erdigem Realismus ab – in einem "Black Cube", dem erprobten Spielraum für alles Surreale. Das hilft auch, die im Tourneebetrieb erzwungene Spärlichkeit zu kaschieren. Kurz bekommt das Trio Vogelmasken (wie von Magritte, Arp, Max Ernst) übergestülpt. Das Ehepaar: Raubvögel. Der verführte Abfangjäger: eine Taube.

Wände aus elastischen Lamellen zum Durchschlüpfen. Vom anrückenden Grenzjäger sieht man erstmal nur das Bein. Die sich aus dem Off vortastenden Hände finden endlich Brust und Schoß der Frau. Gegenwart ist angesagt. Lukas Holzhausen schleicht als Finanzsünder herum wie ein plattfüßiger Buchhalter. Katrin Grumeth beginnt wie ein frustriertes Lieschen Müller im schwäbischen Eigenheim mit dem wehleidigen Lied: "Als ich ein Mädchen war, wollt’ ich ein Bube sein". Mit offenem Mund starrt sie den Buben an, wenn er aber kommt. Das Spiel wird schneller, die Hausfrauenfesseln fallen. Wie besessen von Rachegeistern strampft das Weib seinen Teufelstanz. Christian Clauß beherrscht das Vorpreschen und Zurückweichen im Kampf um Fleisch und Beförderung wie im Kasernenhof trainiert. Zarte Statur und feine Züge in der gleichmacherischen Uniform. Der feste Punkt dieses Abends.

Sitcom-Tollheit

Vor zehn Jahren brachten Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek im Akademietheater in Martin Kušejs Regie (Merkmarke Baumstämme) Schönherrs strenge Dialoge zum Klingen als wären sie von Horváth. Christina Rast lässt Katrin Grumeth die Zügel locker bis zur Sitcom-Tollheit. Im Dialektgemisch zwischen Sachsen-, Schwarz- und Sauwald findet Schönherrs Stiltirolerisch wenig Halt. Die Schweizer Regisseurin beginnt mit kniffeliger Mechanik. Die Konterbande ist in Maurerkübeln an der Decke versteckt. Der Gatte seilt sie ab, kontrolliert sie und nuschelt zufrieden ein – nicht im ersten Textbuch 1914 enthaltenes – "Passt". Die klare Antwort folgt anderthalb Stunden später: Mit rotem Spray schreibt die Frau als Überlebende P-A-S-S-T an die Hinterwand.