Weihrauchschwaden, Trauermusik à la Balkan Brass, dazu ein choreografierter Trauermarsch - so effektvoll beginnt die Aufführung von "Die rote Zora und ihre Bande" im Wiener Volkstheater. Der hohe Unterhaltungswert wird in den kommenden zweieinhalb Stunden auch aufrechterhalten. Das ist keine geringe Leistung, die Regisseur Robert Gerloff im Verbund mit Imre Lichtenberger Bozokis vierköpfiger Combo und dem 17-köpfigen Ensemble zuwege bringt.

Der Theaterabend, konzipiert als generationenübergreifendes Familientheater für Besucher ab sieben Jahren, hat jedenfalls Rhythmus und Esprit. Allerdings ist die Dramatisierung des bekannten Kinderbuchklassikers von Kurt Held doch erstaunlich konventionell geraten und wirkt phasenweise wie aus der Zeit gefallen. Die Ausstattung von Gabriela Neubauer kreist um altbackene Klischees - so zeigt die Drehbühne einmal die pittoreske Nachbildung einer kroatischen Hafenstadt, dann wiederum eine betont armselige Fischerhütte, das wilde Lager der Kinderbande kommt freilich nicht ohne Lagerfeuerromantik aus und die Kostüme sind kunstvoll zerlumpt. Andernorts sind Kinder- und Jugendtheateraufführungen schon weitaus experimentierfreudiger.

Fische singen im Chor

Das Stück überzeugt indes nach wie vor: Es ist die Geschichte von Waisenkindern, die eine Bande bilden, um in einer Gesellschaft, die sie als Ausgestoßene behandelt, zu überleben. Natürlich geht es um Freundschaft und Abenteuer: Anführerin der Truppe ist die rothaarige Zora, am Volkstheater von Hanna Binder mit beachtlicher Kraft und Aufrichtigkeit verkörpert. Banden-Neuzugang ist Branco, der am Beginn des Stücks seine Mutter verliert, Luka Vlatković spielt den heimatlosen Buben, der sich seinen Platz in der Bande erst erobern muss, mit geballter Kraft.

Die rote Zora beruht übrigens auf wahren Tatsachen. Der deutsche Revolutionsdichter Kurt Kläber begegnete während einer Reise in Kroatien tatsächlich einer Kinderbande, die allein auf sich gestellt, in bitterer Armut, ums Überleben kämpfte. Unter dem Pseudonym Kurt Held veröffentlichte er 1941 im Schweizer Exil das Kinderbuch "Die rote Zora und ihre Bande" - und landete damit einen Welterfolg.

Die rote Zora schlägt sich Robin-Hood-ähnlich auf die Seite der Armen, kämpft gegen die Stützen der Gesellschaft und hat deswegen ständig Ärger mit der Polizei. Im Volkstheater erlebt man daher nicht wenige Verfolgungsjagden. Nach allen Regeln der Kunst - Beinstellen, Bananenschale, Wurfgeschoße - entkommt die hellwache Bande den Verfolgern stets in allerletzter Sekunde.

Die Bühnenfassung von Regisseur Gerloff und Dramaturgin Veronika Maurer weicht am Ende von der Vorlage ab, indem sie das Happy End umschreibt und den Kindern ein Recht auf Selbstbestimmung einräumt.

Die besten Momente der Aufführung gehören der Musik. Die rote Zora hat etwa ein Bandenlied mit Ohrwurmqualität und selbst die Fische werden im Chor besungen. "Wie macht der Thunfisch?" Antworten liefert die nächste Vorstellung von "Die rote Zora und ihre Bande".