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Bühne

Update: 27.09.2018, 16:12 Uhr

Nachruf

"Nichts war früher schöner"




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Von Petra Paterno

  • Ignaz Kirchner, Charakterdarsteller und Stütze des Burg-Ensembles, ist mit 72 Jahren verstorben.

Ignaz Kirchner als "Sartorius" in "Solaris" im Vestibül des Wiener Burgtheaters, November 2011. - © APA/GEORG HOCHMUTH

Ignaz Kirchner als "Sartorius" in "Solaris" im Vestibül des Wiener Burgtheaters, November 2011. © APA/GEORG HOCHMUTH

Ignaz Kirchner als "Alfons der Zweite" von "Torquato Tasso" im Burgtheater in Wien.

Ignaz Kirchner als "Alfons der Zweite" von "Torquato Tasso" im Burgtheater in Wien.© APAweb/APA, HERBERT NEUBAUER Ignaz Kirchner als "Alfons der Zweite" von "Torquato Tasso" im Burgtheater in Wien.© APAweb/APA, HERBERT NEUBAUER

Wien. Kaum jemand konnte auf der Bühne so virtuos schweigen wie Ignaz Kirchner. Dieses beredte Schweigen, bei dem man den Schauspieler am besten nicht aus den Augen ließ. Jedes Schulterzucken sprach Bände, eine gezückte Augenbraue zwang das Gegenüber in die Knie, und ein stummes Nicken Kirchners bedeutete im seltensten Fall Zustimmung.

Zur Meisterschaft brachte Kirchner sein Stillsein auf der Bühne in Thomas Bernhards Drama "Elisabeth II" (2002). An der Seite von Gert Voss, der sich als Industrieller Herrenstein durch das Stück schwadronierte, brillierte Kirchner als schweigsamer Diener Richard. Voss und Kirchner verband eine außergewöhnliche, Jahrzehnte währende künstlerische Partnerschaft. Erstmals brachte Peter Zadek die beiden Großschauspieler in "Der Kaufmann von Venedig" (1988) auf der Bühne zusammen. Voss nahm für seinen Shylock an Wall-Street-Bankern Maß, Kirchner lieferte als Antonio den kauzigen Widerpart. Zwei Jahre später spielte Kirchner den Jago und Voss den Othello.

Komiker-Buddys


1991 folgte Taboris schwarze Komödie "Goldberg Variationen". Für ihre schauspielerischen Leistungen wurden die beiden Akteure vom Branchenfachblatt "Theater heute" zum Schauspielerpaar des Jahres gewählt. Ein absolutes Novum – und der Durchbruch von Voss/Kirchner als Komiker-Buddys, die sich noch häufig im Scheinwerferlicht humoristisch matchen sollten. Von Samuel Becketts "Endspiel" über die Travestieversion von Genets "Zofen" bis zum Boulevardkracher "Sunny Boys" brachten die Akteure ihr Publikum verlässlich zum Lachen.

Wer leichthin behauptet, Kirchner habe dabei im Schatten des Jahrhundertakteurs Voss gestanden, dürfte nicht genau hingesehen haben. Wer sich neben Voss bewährte, muss ein guter Schauspieler gewesen sein. Wer neben Voss auch schweigen konnte, wie es nur Kirchner konnte, war freilich ein überragender Mitspieler.

Dabei war der Weg zur Bühne für Ignaz Kirchner alles andere als vorgezeichnet. Er schloss eine Buchhändlerlehre ab, damit er in einen Beruf zurückkehren konnte, falls es mit der Schauspielerei nicht klappen sollte. Doch es lief auf Anhieb. Nach Abschluss der Schauspielschule Bochum fasste er an der Freien Volksbühne Berlin Fuß, bevor ihn Claus Peymann nach Stuttgart holte, wo Kirchner bis 1978 zum Ensemble gehörte.

Nach Wanderjahren durch deutschsprachige Bühnen – in Bremen feierte er 1981 unter der Regie von Jürgen Gosch als "Hamlet" große Erfolge – kam er 1987 ans Burgtheater. Das Haus am Ring blieb mit kurzer Unterbrechung in den 1990er Jahren bis zuletzt seine bevorzugte Wirkungsstätte. Sein Wiener Debüt feierte er 1987 als Schlomo Herzl in George Taboris Uraufführung "Mein Kampf". Zum Einstand kam er gleich mit der mangelnden Vergangenheitsbewältigung Österreichs in Kontakt – Kirchner bekam ein mit Kot gefülltes Paket zugestellt.

Neugier und Verve

Seine Herkunft beschrieb Kirchner in Interviews als durchaus delikat. Die Mutter lesbisch und jüdisch, der Vater schwul und katholisch – die Geburt von Hanns-Peter Kirchner-Wierichs kam 1946 einem Glücksfall gleich; als Einzelkind wuchs er im Wuppertal auf. Nach einem Theaterbesuch im Alter von sechs Jahren beschloss er, Schauspieler zu werden. Mit zehn kam er ins Jesuiten-Internat Stella Matutina im vorarlbergischen Feldkirch. Später wurde aus Hanns-Peter Kirchner-Wierichs der Schauspieler Ignaz Kirchner – in Anlehnung an den Heiligen Ignatius. "Nichts war früher schöner", sagte Kirchner einmal in einem Interview. "Dem Theater gehört das Hier und Jetzt." Bei aller Gegenwärtigkeit – war gerade Kirchner oft vorne mit dabei, wenn Theatergeschichte geschrieben wurde. Er arbeitete mit den renommiertesten Regisseuren – von Klaus Michael Grüber und George Tabori bis zu Peter Zadek – und blieb bis zuletzt aufgeschlossen für junge Kräfte.

Er hat sich in das Diskurstheater eines René Pollesch genauso gestürzt wie in die szenischen Erfindungen eines Antu Romero Nunes. Zum letzten Mal sah man Kirchner auf der Burgtheaterbühne in der "Der Volksfeind" (2017), in der Regie von Jette Steckel.

Die unbedingte Neugier und Verve, mit der er sich selbst die abwegigsten Figuren zu eigen machte, ist Mangelware. Ignaz Kirchner ist am Mittwochabend nach langer Krankheit 72-jährig gestorben.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-27 11:52:21
Letzte Änderung am 2018-09-27 16:12:23


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