Standing Ovations im Theater in der Josefstadt, Bravoschreie. So als könnten sich 95 Minuten Hochspannung nur als jähe Eruption abbauen. Der Premierenjubel in sensationellem Übermaß gilt Nicole Heesters. Viele Stamm-Josefstädter sind mit ihr alt geworden. Sie hingen an Vater Jopies Lippen und wussten immer schon, dass ihn seine niederländischen Landsleute zu Unrecht als Kollaborateur verdächtigten. Warum die Erinnerung an die Kriegsgeneration? Die 81-jährige steigert sich mit hanseatischer Damenwürde in den stolzen Schmerz einer urdeutschen Heldenmutter, welcher der Sohn als Anführer einer politischen Bewegung von "Nichtsnutzen" abhanden kam. Sagt sie "Wann immer ich mehr als zwei Männer zusammen gesehen habe, habe ich Dummheit gesehen", brechen Lacher aus der peinigenden Stille im Saal hervor.

Colm Tóibín, der irische Autor von "Marias Testament", Jahrgang 1955, kennt die immergrüne Nationalballade über Helden und Verräter aus den Tagen des IRA-Terrors. Ihn drängt es zu deren Entmythologisierung im Spiegel der christlichen Überlieferung. In seinem 2012 erschienenem Kurzroman gesteht die Mutter Jesu im hohen Zeugenschaftston, dass sie weder den nackten toten Sohn in den Armen hielt, noch dass er ihr nach dem Tod am Kreuz lebendig erschienen ist. Ein zweiter Hintergrund dieser pastoral unaufregenden Konstruktion – seit 2000 Jahren plagen auch Fromme Zweifel an der Auferstehung – ist mitzudenken: Tóibíns Leibthema Homosexualität (er veröffentlichte im irischen Referendums-Jahr 2015 ein Votum für die gleichgeschlechtliche Ehe) und dessen Wiederkehr in einer rätselvollen Mutter-Sohn-Beziehung. Diese Maria forscht in sich nach Motiven, warum sich ihr (nie Jesus genannter) Einziger von ihr abwandte. Und warum sie für sich die Zärtlichkeitsikone "Pietà" erträumte. Seine Scham? Ihre Schuldgefühle?

Mit Rücksicht auf das biblische Thema tauschte das Theater den puffroten Bühnenvorhang gegen strenges tintenblaues Ornament. In den ersten Sätzen – "Ich sage die Wahrheit, einfach weil ich es kann" – kündigt sich Tóibíns rhetorische Eselsbrücke an. Maria spricht nicht zu sich selbst, sondern will ihre Erlebnisgeschichte zwei Gästen und damit der Nachwelt diktieren. Sie heißen Markus und Johannes. Die vergessen freilich, in ihren Evangelien Marias Traumerzählungen als solche auszuweisen.Egal! Wie um jeglicher Glaubensdebatte auszuweichen, warnt Maria schon in der ersten Minute: "Das, was wirklich geschah, ist unvorstellbar."

Regisseur, Text- und Bühnengestalter Elmar Goerden greift in seiner aus den Hamburger Kammerspielen übernommenen Inszenierung eingangs zu deftiger Symbolik. Maria-Heesters liegt unter einem Küchentisch wie in einem gläsernen Grabschrein. Sie erwacht und kratzt am Sarghimmel, als wäre sie lebendig begraben. Eine weiße Lilie (sie bedeutet Reinheit, Unschuld) auf einem altargleichen Tischchen an der Rückwand rupft sie und wirft sie in den Mist, die Osterkerze hinterdrein. Goerden drückt seinem Star Requisiten wie Besen, Wasserkübel, Kopftuch in die Hände. Doch die meiste Zeit hat Heesters den Riesentextkoffer ohne Halt zu stemmen. Virtuos die Bewegungen, Gesten, Schrecken in Gesicht, bisweilen Süffisanz in der Stimme! Doch streckenweise an Kälte und Distanz erstickend.

Zwei Wunder-Erzählungen stellt Colm Tóibín groß heraus: Die Erweckung des Lazarus als Freundes-Liebesdienst, die Hochzeit von Kanaan samt Weinwunder als Mutterkränkung. Quälend genau ausgemalt wie auf mittelalterlichen Tafelbildern die Kreuzigung. Wer aber entschlüsselt ein anderes Grausamkeitsbild: Ein Mann füttert einen "riesigen, zornigen Vogel" in einem Käfig neben den Kreuzen mit lebenden Kaninchen? Maria gesteht im Testament, dass sie rechtzeitig vor Jesu Tod vor einem Spitzel geflohen sei. Um sich der Verfolgung zu entziehen nahm sie das Los eines Flüchtlings in Kauf. Damit ist ihre Geschichte, rumpeldipumpel, in der Gegenwart angekommen.