Bei den Theaterabenden von Michael Thalheimer muss man sich auf Schwarzsehen gefasst machen. Nicht nur die Bühne ist stets in undurchdringliche Finsternis getaucht, auch die Figuren agieren unerbittlich düster, von ihrem Beziehungsgeflecht ganz zu schweigen.

Erwartungsgemäß hebt auch Thalheimers jüngste Arbeit am Wiener Burgtheater, Ödön von Horváths "Glaube Liebe Hoffnung", auf nachtschwarzer Bühne an: Ein einzelner Lichtstrahl von oben taucht die Schauspielerin Andrea Wenzl als Elisabeth in gleißendes Licht. In zart geblümtem Kleid und rotem Schuhwerk steht sie da, findet nüchterne Worte für ihre elende Situation als arbeitslose Verkäuferin von Miederwaren. Wie ein Mantra wiederholt sie den Satz: "Aber ich lasse den Kopf nicht hängen."

Jeder Optimismus wird Elisabeth im Lauf der Handlung sukzessive ausgetrieben werden. Ödön von Horváths "Glaube Liebe Hoffnung", verfasst 1932, beruht auf wahren Tatsachen. Der, so Horvath, "kleine Totentanz" zeichnet in fünf Bildern den Untergang der jungen Elisabeth nach, die sich aus purer Not verschuldet, mit dem Gericht schließlich in Konflikt gerät, durch überzogene Strafen in die Ausweglosigkeit gedrängt wird. Wie so oft bei Horváth ist es auch hier das unbescholtene "Fräulein", das von einer unbarmherzigen, männlich dominierten Gesellschaft in die Knie gezwungen wird.

Körpersprache

Der Kampf der Einzelnen gegen eine erdrückende Übermacht hielte herrliches Spielmaterial gerade für Thalheimer bereit, den Virtuosen der Verdichtung und Konzentration, der in seinen stark formalen Setzungen gern mit minimalen Nuancen experimentiert: Jede Körperhaltung, jede Geste vermag Bedeutung zu erlangen, die Körper "reden" jenseits der Sprache.

Im Idealfall werden poetische wie analytische Kräfte entfacht, die auch altbekannte Stücke in neuem Licht erscheinen lassen. "Glaube Liebe Hoffnung" überzeugt so gesehen nicht. Es bleibt buchstäblich zappenduster auf der Bühne. Gewiss, Thalheimer glücken am Burgtheater Momente von großer Intensität - Andrea Wenzl als Elisabeth streckt während der knapp zweistündigen Aufführungen immer wieder ihre Hände aus, nie aber findet sich ein Mensch, der ihre Finger mit den seinen umschließen würde.

Dann wiederum gibt es Szenen, die seltsam flach und grell geraten sind. Siehe die Annäherung des Schupos an Elisabeth: Er beschnüffelt sie eine gefühlte Ewigkeit von oben bis unten, während sie erstarrt, die entwürdigende Behandlung reglos über sich ergehen lässt. Kurz darauf entwickelt sich die Begegnung zwischen Elisabeth, der Frau Amtsgerichtsrat (Alexandra Henkel) und der Unternehmerin Irene Prantl (Christiane von Poelnitz), die aus schwer nachvollziehbaren Gründen nur mit einem knappen Morgenmantel bekleidet ist, allzu schablonenhaft-reißerisch.

Wenn schon jeder Geste Bedeutung zukommt, sollte diese mit Bedacht gewählt werden. Doch Thalheimer vertraut in "Glaube Liebe Hoffnung" über weite Strecken abgegriffenen Klischees und Rollenbildern. In den Pausen zwischen den Akten erschallt Rockmusik aus den späten 1970er Jahren. Janis Joplin und Konsorten brüllen über Lautsprecherboxen ihren Weltschmerz in die Welt, derweil schlurft eine große Statistengruppe quer über die Bühne, eine gesichts- und herzlose Masse, unberührt vom Schicksal des Einzelnen. Mit viel Aufwand werden durchschaubare Bilder entworfen.

Die besten Momente der Aufführung gehören mit Abstand Andrea Wenzl. Wie die Akteurin ins Verderben rennt, ist überaus beeindruckend. Selbst in den äußersten Momenten der Verzweiflung bleibt sie beherrscht, zeigt in den Augenblicken größter Verletzlichkeit enorme Stärke. Ein Horváth-Fräulein fern von Sentimentalität und Rührseligkeit, das ist keine geringe Leistung innerhalb eines eher klischeebeladenen Abends.