Mein Zugang zu den Figuren läuft über das performative Sprechen, das nichts mehr mit psychologischen Charakteren und herkömmlichen Beziehungsgeflechten zu tun hat. Ich gehe stark von den Figuren aus, aber sie funktionieren für mich eher wie Zitate, die wahlweise von jedem auf der Bühne gesprochen werden können.

Sie sind mehrsprachig aufgewachsen, Ihre Familie emigrierte aus der Tschechoslowakei. Färbt das auf Ihren Umgang mit Sprache ab?

Wahrscheinlich schon. Wenn man mit mehreren Sprachen zu tun hat, entwickelt man vielleicht einen anderen Blick auf ihre Konstruktion. Ich interessiere mich aber auch für Lyrik und habe Philosophie zeitweise in Paris studiert, es gibt mehrere Zugänge, die hier eine Rolle spielen.

Ihr jüngstes Stück "europa flieht nach europa" fängt hoffnungsvoll an, rekapituliert dann aber die Geschichte des Kontinents als Abfolge von Grausamkeiten und Gewalt.

Auf Utopien wird gern mit Gewalt reagiert. Idealbilder beinhalten notgedrungen ein gewisses Gewaltpotenzial, dieses Bild wollte ich verdichten.

Am Ende stirbt die mythologische Figur Europa, sie wird von ihren Kindern zerrissen. Ist Ihr Stück eine Analogie zum Zustand Europas - ein Kontinent vor der Zerreißprobe?

Es ist auf jeden Fall ein ambivalentes Bild. Man kann darin auch eine christliche Lesart erkennen, dass die Kinder Europa durch das Verzehren in sich aufnehmen. In dieser Inszenierung kommt die Szene beispielsweise gar nicht vor, es steht der Regie frei, wie sie damit umgehen möchte. Meine Texte sind Ausgangsmaterial, um Bilder auf der Bühne weitertreiben zu können.

Ihre Stücke lassen viele Interpretationen zu. Gehört das Vage und Ungefähre zu Ihrem künstlerischen Programm? Folgen Sie hier dem Zeitgeist, sich sämtliche Positionen offen zu lassen?

Die Stimmung geht derzeit doch eher in Richtung Polarisierung. Gerade auf der politischen Bühne sind die Positionen stark festgelegt. Mein Anspruch ist es, offen zu bleiben für möglichst vielfältige Assoziationen. Etwas kann so oder so sein. Das finde ich viel spannender und sinnvoller als abgezirkelte Programme. Wenn ich auf alles eine Antwort hätte, würde ich Essays schreiben und keine Theaterstücke.

Was fasziniert Sie am Theater?

Das Theater ist Teil des Diskurses einer Gesellschaft über sich selbst. Im digitalen Austausch gibt es keine Urheberschaft, Inhalte zirkulieren ohne Anbindung an irgendwas und irgendwen. Das Theater ist dank seines Live-Charakters unmittelbar an die Aufmerksamkeit der Zuschauer gebunden. Das Theater vereint die Körper, während das Digitale die Menschen isoliert.