Vor dem Akademietheater werden am Premierenabend Flugblätter verteilt, in denen vor dem N-Wort gewarnt wird: "Das Wort lässt sich nicht von seiner rassistischen Entstehungsgeschichte entkoppeln", heißt es etwa. Im Programmheft rechtfertigt sich das Burgtheater, dass es den Stücktitel "Kampf des Negers und der Hunde" deshalb nicht verändert habe, weil es darin "weniger um Hautfarben und mehr um Unterdrückung und Ausbeutung" gehe. Diese Mechanismen wolle das Stück aufdecken, daher werde das diskriminierende Wort verwendet, aber, als Zeichen der Distanzierung, grafisch hervorgehoben.

Unmittelbar vor Beginn der Aufführung stürmen junge Frauen in den Zuschauerraum, beklagen lautstark, dass die heimische Nationalbühne ein Stück mit dem N-Wort auf den Spielplan setze. "Kunst kann auch rassistisch sein" und "das Akademietheater stinkt" wird skandiert, schließlich flattern Flugblätter vom Balkon: "Die Verwendung des N-Wortes verharmlost, normalisiert und legitimiert rassistische Diskriminierung." Das Premierenpublikum lässt die Intervention der selbst ernannten Sprachpolizistinnen gelassen über sich ergehen.

Abrechnung mit Kolonialismus

Der französische Dramatiker Bernard-Marie Koltès, 1989 mit 41 Jahren an den Folgen von Aids verstorben, schrieb mit "Der Kampf des Negers und der Hunde" ein enigmatisches Stück über die tief verwurzelte Angst des weißen Mannes - vor dem Fremden, vor der Frau, vor den eigenen Handlungen.

Afrika wird hier zur Metapher für eine diffuse, allumfassende Bedrohung, auf der Bühne des Akademietheaters personifiziert durch den dunkelhäutigen Schauspieler Ernest Allan Hausmann. Schauplatz der Handlung ist eine stillgelegte Baustelle in Westafrika, in Wien ist die Bühne leer geräumt (Bühnenbild: Evi Bauer). Vier Personen arbeiten sich an diesem Unort aneinander ab. Da ist Alboury (Hausmann), er will den Leichnam seines Bruders abholen, der unter ungeklärten Umständen auf der Baustelle verstorben ist. Vergleichbar mit Antigone, wird ihm der Tote indes nicht ausgehändigt. Rund um diesen Protagonisten von geradezu antiker Wucht, irrlichtern die anderen drei Figuren. Sie sind moralisch völlig heruntergekommen, klammern sich in ihren Bermudashorts an Whiskyflaschen wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm, wenn sie nicht mehr weiter wissen, was häufig der Fall ist, knallen sie Spielwürfel quer über die Bühne und schmeißen mit Geld um sich, bis der Bühnenboden mit Scheinen übersät ist.

Als Koltès Drama Anfang der 1980er Jahre erschienen ist, wurde es als Abrechnung mit dem Kolonialismus gelobt. Mehr als 30 Jahre später wirkt der Text wie ein Klassiker, der das Thema Gewalt der Globalisierung vorweggenommen hat. Es nimmt daher nicht wunder, dass das Stück in jüngster Zeit wieder häufiger zu sehen war. Erstaunlich ist bei den augenfälligen Bezügen zu gesellschaftspolitischen Fragen, wie unbedarft Regisseur Miloš Lolić in Wien an die Sache herangeht. Den 39-Jährigen interessieren vor allem die erotischen Verwicklungen, die bei Koltès freilich mitschwingen, aber die Handlung nicht dominieren. Lolić dichtet dem Baustellenleiter Horn (Philipp Hauß) eine homoerotische Liaison mit dem Ingenieur Cal (Markus Meyer) an, Stefanie Dvorak wird als Léonie zum Störfaktor und macht daraufhin Alboury (Hausmann) Avancen. Bis zum Ende der zweistündigen Aufführung werden sämtliche Konstellationen durchgespielt, bis jeder nach jedem gegrapscht hat.

Da mit Meyer, Hauß und Dvorak erstklassige Theaterkräfte am Werk sind, die ihrer Spiellaune freien Lauf lassen, kommt es zu einigen amüsant-pikanten Szenen, die jedoch eher zu einem Feydeau passen würden. Willkommen im Bordell Afrika! Weiterreichende Gedanken durfte man sich leider nicht erwarten.