• vom 11.10.2018, 16:00 Uhr

Bühne

Update: 11.10.2018, 16:17 Uhr

Musical-Kritik

Heidi tanzt auf zwei Kirtagen




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Von Viktoria Klimpfinger

  • Im Museumsquartier feierte das Heidi-Musical in Starbesetzung seine Uraufführung.

Der Grantler und das Alpen-Mädi: Vanessa Zirps und Uwe Kröger kämpfen um Tränen. - © apa/Pfarrhofer

Der Grantler und das Alpen-Mädi: Vanessa Zirps und Uwe Kröger kämpfen um Tränen. © apa/Pfarrhofer

Unter anderem haben wir es der Autorin Johanna Spyri zu verdanken, dass wir die Schweiz mit romantischem Bergidyll und pittoresken Dörfern verbinden. Und natürlich mit Heidis und Alm-Öhis. Als Heldin in Kinderserien und Kinofilmen prägte die kleine Heidi ganze Generationen. Nach so vielen Jahrzehnten auf den popkulturellen Bergen versammelt sie mittlerweile sowohl Kinder als auch Nostalgiker fortgeschrittener Semester vor den Bildschirmen, wie 2015 erst die Neuverfilmung von Alain Gsponer zeigte. Nun steht Heidi zum zweiten Mal (nach Peter Jona Korns Oper) auf der Musiktheater-Bühne: Das Musical von Michael Schanze und Hans Dieter Schreeb hatte im Wiener Museumsquartier seine Uraufführung - und zerrte sich beim Spagat zwischen den Zielgruppen einen Muskel.

In den meisten Heidi-Filmen entsteht allein schon durch die überidyllische Landschaft kitschige Alpennostalgie. Wenn man Heidi von den Bergen auf die Bühne holt, ist es daher nur logisch, dass davon ein bisschen was verloren geht. Das zurückhaltende Bühnenbild (Manfred Waba) und die hartnäckigen Video-Projektionen erzählen meist in kühler Distanz vom Bergidyll, dafür umso aufwendiger vom urbanen Frankfurt. Regisseur Manfred Waba versucht zwar weitgehend, tiefe Griffe ins Traditionsschmalz zu vermeiden. Aber als die Maienfelder gleich zu Beginn die Ankunft der ersten Eisenbahntouristen feiern, fährt man mit Blasmusik bis Schuhplattlern vorsorglich einmal alles auf, was das Klischeearchiv der Schweiz zu bieten hat.

Information

Musical

Heidi

Von Michael Schanze

Mit Vanessa Zirps, Rebecca Soumangé, Uwe Kröger u.a.

Museumsquartier

Schillernde Besetzung

Der großen Altersspanne des Zielpublikums will das Musical mit Sowohl-als-auch-Zugeständnissen verbissen gerecht werden. Video-Einspieler, in denen die Autorin Spyri selbst (Alfons Haider) zu den Kindern spricht, erklären historische Hintergründe und Handlungsstränge. Vereinzelt adressieren auch die nicht-digitalen Figuren die Jüngsten in direkter Kindertheater-Manier.

Die schillernde Besetzung ist hingegen ein Zugeständnis ans erwachsene Publikum: Mit Alfons Haider, Maya Hakvoort oder Uwe Kröger ist "Heidi" ein Aufmarsch der Granden der heimischen Musical-Szene. Überzeugen kann darstellerisch allerdings besonders die junge Generation: Vanessa Zirps gibt eine glaubwürdig kindliche, aufgeweckte Heidi mit klarer Stimme, ebenso wie Rebecca Soumangé, die die Klara im Rollstuhl spielt. Stephan Luethy bringt als Geißenpeter in Lederhosen und mit Ziehharmonika juvenilen Schwung auf die Bühne. Auch die seltenen choreographischen Einlagen des Ensembles lockern die sonst monoton dahinplätschernde Inszenierung erheblich auf.

Eine Figur, die sich im Musical-Genre wohl kaum wohlfühlen würde, ist der grummelige Alm-Öhi. Der, der ihn verkörpert, tut es dafür seit Jahrzehnten. Fast konsequent humpelnd, in Bart und Schlapphut (Kostüm: Gerlinde Brendinger) bemüht sich Uwe Kröger redlich um einen verbitterten Alpengrantler. Stimme und Sprache stiften allerdings eher Verwirrung, erinnern sie doch mehr an laszive Synchronsprecher als an einen griesgrämigen Großvater. Dass ausgerechnet der Alm-Öhi der Musical-Version mit viel Emphase, introspektiven Gesangseinlagen und dem einen oder anderen beherzten Tränenvergießen eine gehörige Portion Sentiment verleiht, hätte wohl keiner erwartet.

Mit viel Text und wenig eingängigen Melodien fordern die Lieder des Musicals (Komposition: Michael Schanze) neben Kröger auch andere Größen wie Alfons Haider als Herr Sesemann und Maya Hakvoort als Fräulein Rottenmeier stimmlich heraus. Nachhaltige Ohrwürmer sind spärlich gesät - allein das Duett "Die große Welt" von Heidi und Klara entlässt das Publikum summend in die Pause. Und die ist nach eineinhalb Stunden auch wohlverdient. Weitere eineinhalb Stunden später ist das Durchhaltevermögen der Kinder im Publikum nur zu bewundern, stellt die Gesamtdauer des Abends mit knapp drei Stunden doch schon das Sitzfleisch der Erwachsenen auf eine harte Probe.





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Dokument erstellt am 2018-10-11 16:09:40
Letzte Änderung am 2018-10-11 16:17:33


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