• vom 12.10.2018, 15:53 Uhr

Bühne


Theaterkritik

Klamauk um ein Politfossil




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Von Hans Haider

  • Alexander Kubelka inszenierte Peter Turrinis "Josef und Maria" in den Wiener Kammerspielen.

Übrig bleibt der Klamauk: Ulli Maier und Johannes Silberschneider sorgen für Gags. - © Herwig Prammer

Übrig bleibt der Klamauk: Ulli Maier und Johannes Silberschneider sorgen für Gags. © Herwig Prammer

Schlichte, berührende Avantgarde war das 1980 im Haus der Jugend in Graz beim "steirischen herbst", als Heinz Moog und Elisabeth Epp erstmals "Maria und Josef" vorstellten. Damals gab es noch die Sowjetunion, Dichterverfolgungen in der ČSSR und die "Volksstimme" als Tageszeitung. Ein Paar gedemütigter Menschen mit Vergangenheit findet am Heiligen Abend im zugesperrten Kaufhaus zusammen. Die Putzfrau begleitete als Tingeltangel-Tänzerin den Balkankriegertross bis Albanien. Der Nachtwächter trägt Wundmale nationalsozialistischer Verfolgung und blieb der KPÖ treu. So wie eine Zeit lang der Dichter selbst.

Wechsel in die Josefstadt 1999: Peter Turrini führt in einer von ihm selbst aktualisierten Fassung erstmals Regie, der berühmte Karl-Ernst Herrmann baut die einladende Kauf-mich-Kulisse, Christiane Ostermayer trägt als Arbeitskittel einen nachtblauen Morgenmantel, Otto Schenk mimt den proletarischen Stolz des Ewig-Gestrigen, an dem der Kollaps von 1989 vorbeiging. Beide ersticken am Mitteilungswust des für Sprechpuppen in einem "Haus der Geschichte" geschaffenen Texts. Erst der patscherte Altensex öffnet ihnen die Herzen der Zuschauer.


Ein Kommunist im Weihnachtsstück
Nach dem schwindligen Aufstieg in Staatskunsthöhen, wieder 19 Jahre später, nun in den Kammerspielen ein Absturz in den Klamauk. Für mehr als ein bizarres Lustspielfossil ist der Regie (Alexander Kubelka) ein treuer, als österreichischer Patriot gebrandmarkter Kommunist nicht mehr gut. Sagt er "Ich esse Fleisch nur am Karfreitag", wird verlässlich gelacht. "Völker, hört die Signale" aus seiner rauchigen, rauschigen Kehle erregt weder Nostalgie noch heilige Schauer. Man hätte Josef in Ehren in der Schublade ruhen lassen sollen. Dass Turrinis "Josef und Maria" noch immer läuft und läuft, verdankt sich nicht dem Kunstwert: Zwei Darsteller und eine Dekoration sind billig, und alle Jahre wieder suchen Provinztheater ein Weihnachtsstück.

Die Welt draußen hat sich gedreht, die Bühnenwelt drinnen japst der Gegenwart hinterher mit surrealen Gags. Im Kaufhausinneren Treibschnee zwischen schwarzen Wänden (Bühne: Florian Etti). Eisbären kommen auf Besuch. Mit zwei übermannshohen roten Kugeln (Christbaum oder Pokémon?) fügt sich die Palette zu heraldisch stumpfem Schwarz-Weiß-Rot. Die langatmige Selbstdeklaration, das stete "Ich-bin-ich-hab-ich-war. . ." in der zufälligen Zweisamkeit leidet auch an undeutlichem Sprechen. Johannes Silberschneider sucht in 90 Minuten seinen steirischen Heimatdialekt zu entmotten, Ulli Maier findet kaum einen richtigen wienerischen Ton.

Beiden merkt man die Mühen an, im bodenlosen Situationskonstrukt Halt zu finden. Maier setzt auf ihren biegsamen Körper, Silberschneider, in Paramilitäruniform wie in den dreißiger Jahren, auf seinen unbeugsamen Stiernacken. Die einmal vorgetragene Frage "Warum sind die Menschen so, wie sie sind?" erweist sich als rhetorische.

Immerhin kommen sie einander näher. Ein Tango löst die Blockade, und neben der Parteivergangenheit auch Josefs Erinnerungen als Statist in der Volksoper. Zwei Seelen wohnen ach in seiner Brust: Politik und Kunst. 1980 vielleicht ein verschämtes Turrini-Selbstbildnis. Heute nur noch Karikatur. Der erlösende Überkleiderabwurf kommt jäh. Er verwandelt für ein paar Augenblicke Papierfiguren zu mitleidheischenden Menschen. Ehe sie - wie die Zuschauer - die Finsternis erlöst.

Theater

Josef und Maria

Von Peter Turrini

Alexander Kubelka (Regie)

Mit Ulli Maier und Johannes Silberschneider

Kammerspiele




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Dokument erstellt am 2018-10-12 16:03:55


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