Strahlendes Zentrum: Joyce DiDonato als Dido. - © Staatsoper/Michael Pöhn
Strahlendes Zentrum: Joyce DiDonato als Dido. - © Staatsoper/Michael Pöhn

Eine Sängerin im Silberkleid vor dem schwarzen Vorhang an der Bühnenrampe, ein einzelner bläulicher Scheinwerfer und die unermessliche Bandbreite menschlicher Emotionen von gramvollem Sehnen über schäumende Rage bis zu verzweifeltem Schmerz. Dazu ein umsichtiger Dirigent, der all diese Nuancen mit dem differenzierten Orchester umfängt und trägt. Es braucht nicht viel für einen herausragenden Opernmoment. Joyce DiDonato und Alain Altinoglu sorgten am Wochenende an der Wiener Staatsoper für einen solchen atemberaubend wahrhaftigen Augenblick, in dem all das zusammenfällt, was Oper ausmacht, was längst vergangene Geschichten an das Hier und Jetzt anknüpft: Wenn das Destillat menschlichen Dramas in einer einzelnen Figur erfahrbar wird; wenn eine Seelenlandschaft sich - in Wort, Klang und Szene gesetzt - als intime Innenschau eines Archetypus erweist. Dann ist das Genre Oper seinem zeitlosen Geheimnis dicht auf der Spur.

Vielleicht braucht es aber auch die restlichen fünf Stunden von Hector Berlioz’ "Les Troyens" vor dieser wunderbaren Szene im finalen Akt, vielleicht braucht es all die optische wie klangliche Opulenz, die die Schwelle zum Kitsch mitunter mehr als nur berührt. Vielleicht braucht es die auf mehreren Ebenen auf die Bühne gestellten Choristen, bunt hüpfenden Tänzer und sich duellierenden Statisten, die imposante Bühnenshow mit Feuer, Rauch, Nebel und einem glühenden Riesen-Pferd. Vielleicht braucht es all die strotzende Überladung eines fünfstündigen Mammutprojektes, um die Intimität dieser einen Szenen im Kontrast noch stärker herauszustreichen: Wenn Joyce DiDonato als Karthagos Königin Dido ihren Geliebten Aeneas ziehen sehen muss, der ihr - aus der verlorenen Schlacht um Troja kommend - für die Aussicht auf den Heldentod im fernen Italien untreu wird und von dem sie Abschied nimmt - in glasklaren Linien, mit fein lodernder Leidenschaft, noch in der größten Verzweiflung nobel und mit dem Tod als einzigem Ausweg.

Doch bis zu diesen kristallinen wie dringlichen Minuten, von denen letztlich die ganze Premiere zehrt, ist es ein langer Weg am Sonntagabend bei der jüngsten Neuproduktion am Ring: Zwei Akte, die den Untergang Trojas behandeln - inklusive gigantischem, knapp Zehn-Meter-Pferdekopf aus Kriegsgerät. Und danach drei Akte, die in Karthago angesiedelt sind, wo ein Sturm die überlebenden Trojaner unter der Führung Aeneas’ - vokal und szenisch solitär: Brandon Javanovich - anspült. Dieser zweite Teil, der meist ohne die ersten beiden Akte auf die Spielpläne kommt, ist der letztlich ausweglosen Liebe des stolzen trojanischen Kriegers und der karthagischen Königin gewidmet.

Dass die Staatsoper das Werk (in Koproduktion mit Mailand, San Francisco und London, wo die Produktion 2012 herauskam) mit allen fünf Akten zeigt, ist ein Mammutprojekt. Neben einer umfassenden, insgesamt homogenen Solistenriege und einer großen Orchesterbesetzung musste die Staatsoper sowohl externe Tänzer als auch (etwas zu klangmächtige) Choristen ans Haus holen.

In den ersten Akten strotzte die Lesart von Dirigent Alain Altinoglu vor eben dieser martialischen Monumentalität, schwang der französische Gestus der "Grand opéra" in jeder Phrase mit, blieb die Grenze zwischen Verve und Kitsch nicht unangetastet. Umso erstaunlicher, dass es Altinoglu in den finalen Akten mit dem immer differenzierter agierenden Orchester gelang, das Werk auch in seiner intimen Seite erstrahlen zu lassen. Neben dem zentralen Liebespaar überzeugten Monika Bohinec, die kurzfristig als Kassandra eingesprungen war, Staatsopern-Neuzugang Szilvia Vörös als Didos Schwester Anna sowie Adam Plachetka und Jongmin Park.

Opulente Materialschlacht

Auch szenisch baut diese bestenfalls traditionelle Inszenierung auf Opulenz und Dekor. Bühnenbildnerin Es Devlin setzt auf große Show-Effekte und Technik, Regisseur David McVicar auf Unentschlossenheit. Zeitlich siedelt er das Stück in der Entstehungszeit der Oper im 19. Jahrhundert an - historisch genug, um nicht heutig sein zu müssen. Die vielen Chorszenen sind statisch, die Ballette (Choreografie: Lynne Page) herzig bis altbacken. Ein heftig bejubelter, beeindruckender fünfstündiger Ausstattungs-, Materialpomp, der letztlich von den einzigen fünf Minuten lebt, in denen all dieses Klotzen ausgeblendet ist.