Entliebt euch: Andrea Jonasson als Claire Zachanassian und Michael König. - © Herwig Prammer
Entliebt euch: Andrea Jonasson als Claire Zachanassian und Michael König. - © Herwig Prammer

Dürrenmatts Klassiker "Der Besuch der alten Dame" erfährt auf Wiens Bühnen gerade Hochkonjunktur: Im Burgtheater lehrt Maria Happel den Dorfbewohner aus Güllen das Fürchten; in der Josefstadt verbreitet Andrea Jonasson Angst und Schrecken. Die Renaissance kommt nicht von ungefähr; Dürrenmatts Drama aus dem Jahr 1956 ist eine meisterhafte, gespenstisch zeitgenössische Parabel über die Macht des Geldes: Eine Milliardärin kehrt nach Jahren in ihre Heimatgemeinde zurück - und schlägt der verarmten Kommune ein diabolisches Geschäft vor: eine Milliarde für das Leben eines Dorfbewohners. Die alte Dame will sich an Alfred Ill rächen, der sie als 17-Jährige geschwängert und sitzen gelassen hatte. Bis heute ideales Spielmaterial in einer Welt, in der Ansehen auf wirtschaftlichem Erfolg beruht.

Den Wiener Inszenierungen gelingt jedoch kein packender Zugriff. Stolpern die Regisseure bei dem dramaturgisch glasklaren Stück über ihren jeweiligen Kunstanspruch? Im Burgtheater versucht Regisseur Frank Hoffmann mit ausgestellter Künstlichkeit, Spannung zu erzeugen - und erdrückt das Drama mit Pathos und Klamauk. In der Josefstadt geht Spielleiter Stephan Müller mit ähnlicher Kraftanstrengung ans Werk.

Andrea Jonasson, Grande Dame des Hauses, ist die Idealbesetzung der Titelrolle: Claire Zachanassian, geb. Wäscher, ist bei Dürrenmatt körperlich versehrt, künstliches Bein und Armprothese, geleitet vom unbedingten Wunsch nach Rache.

Stilisiert zur Rachegöttin

Müller rückt die körperlichen Beeinträchtigungen in den Vordergrund, stilisiert Jonasson - in einem durchaus interessanten Ansatz - zu einer Rachegöttin von beinahe antikem Ausmaß. Dabei wird ihr Spielraum jedoch derart eingeengt, dass die Akteurin trotz dezidiert eleganter Erscheinung (Birgit Hutter entfacht einen veritablen Kostümrausch) seltsam ungelenk wirkt, ihre Qualitäten nicht zur Gänze entfalten kann. Jonassons Auftritte haben etwas von einem feierlichen Hochamt. An ihrer Seite spielt Michael König mit Verve den gealterten Don Juan, dem sie ans Leben will. Um die beiden Zentralgestalten irrlichtern die Dorfbewohner.

In Regisseur Müllers Lesart kommt es dabei nicht zur schleichenden "Demokratisierung des Bösen", wie Dürrenmatt-Kenner Peter Rüedi notierte - es regiert die Geldgier, von Anfang an. Eine schlüssige Aktualisierung, die jedoch nicht unbedingt zum Vorteil der Aufführung gereicht. Das Drama büßt an Spannung ein, verliert Halt, den Figuren mangelt es an Schärfe, vielleicht mit Ausnahme von Siegfried Walther als herrlich-unverschämter Bürgermeister; Martina Stilp und Alexandra Krismer tollen als Boulevard-Fernsehjournalisten durch die Szenen. "Der Besuch der alten Dame" als Society-Event.