Katharina Klar als quirlige Treuherzige.
Katharina Klar als quirlige Treuherzige.

Zwei Schulstunden Verfassungsrecht, Nationalökonomie, Österreich- und Weltgeschichte seit dem Jahr 1920. Christine Eder, verantwortlich für Text und Regie, presst im Volkstheater zu viel Buchwissen in ihre Politshow "Verteidigung der Demokratie". Zur Alarmierung der Demokraten werden Proseminartexte aus dem Juridicum zitiert. Das Namedropping rattert von John Locke, Ludwig von Mises, Otto Weininger zu Pinochet und Margret Thatcher. Die akustische Brutalkulisse mit hämmerndem Synthesizer macht das Verstehen mühsam. Satzfetzen bleiben hängen wie "Feinde stehen außerhalb der Verfassung", "Eigentumsrecht ist Freiheitsrecht", "Nachtgespenst der Reaktion". In einer einzigen Szene sichert Verlangsamung die Vertiefung: Im Juli 1938 wurde in Genf über das Flüchtlingsproblem beraten. Blamabel sind noch heute die Abwehrargumente der Amerikaner, Engländer, Franzosen, Schweizer, Südamerikaner, Australier.

Je später der Abend, desto deutlicher die Stoßrichtung: gegen den Wirtschaftsliberalismus und den Innenminister. Eder und ihr Dramaturg Roland Koberg steuern zielsicher unauflösbare Dilemmata an. Denn Demokratie ist nicht nur das Fundament, über dem sich 1947 in Genf der Wirtschaftsliberalismus in der Mont Pèlerin Society unter Friedrich von Hayek formierte; sie ist auch das Schwert, mit dem die USA ihre Interessen auf der Welt durchsetzen.

Mauer aus Geschenkspaketen

Der Name Hans Kelsen sowie "Abhandlung zur Demokratietheorie" sind an eine Mauer projiziert. Die Mauersteine: Geschenkpakete, die nie geöffnet werden. Kelsens österreichische Bundesverfassung ersetzte 1920 das Gesetz vom 12. November 1918 (Deutschösterreich ist Bestandteil der Deutschen Republik). 1929 wurde die Kelsen-Verfassung zum zweiten Mal novelliert mit einer Machtverschiebung vom Parlament zum Bundespräsidenten. Nach Köln berufen und geflüchtet, fand der Staatsrechtler in Carl Schmitt einen konservativen Gegner, der den "Souverän" verherrlichte und wie Hitler die Weimarer Republik ablehnte. Kelsen emigrierte. Vor dem McCarthy-Ausschuss deklarierte er sich als liberaler Sozialist. Nach Wien kehrte er nie mehr heim.

Staatsrechtsdisput, jüdisches Schicksal, Diktatur und Wiederaufbau, Marktwirtschafts- und Europadebatte überlagern einander in wirrer Schnitzelmenge. Fünf Darstellern sind zehn Mal so viele Rollen zugemutet, ohne Wechsel im Kostüm, umso fordernder in Mimik, Gestik, Tonfall. Thomas Frank, ein XXL-Format, jagt mit bauchgesteuerter Motorik allen davon. Was der alles kann! Den antisemitischen Wiener Grunzer und die Selbstblockade als Freiheitsstatue. Birgit Stöger streng wie eine Revolutionsikone. Katharina Klar ist die quirlige Treuherzige an der Seite Christoph Rothenbuchners als unprofessoraler Kelsen. Nils Hohenhövel: ein Vorzugsschülertyp, der zum Zuhören zwingt.

Was bleibt als Lehrwert? Von den vielen Namen, Pro-und-Contra-Reden und flatternden Ausbrüchen in Ironie brummt der Schädel. Und vom harten mechanischen Sound. Er übertönt gnädig die Liedtexte von Eva Jantschitsch mit Reimen wie "An Maschinen und Tiere ich appelliere" und Fragen wie "Wer holt die Waffe aus Vaters Schrank?". Technokälte statt händedruckwarmer Solidarität mit den Beleidigten, Verlierern wie in Heinz Ungers "Proletenpassion" 1976 mit den "Schmetterlingen". Die Linke hatte damals den real existierenden Sozialismus als Vorbild sowie Reibebaum und die Revolution als Hoffnung. Nichts ist geblieben. Nur die Chance auf Machtergreifung im demokratischen Kräftespiel. In Österreich nach den von Kelsen festgeschriebenen Regeln. Die solidarische Mehrheit im Publikum jubelte.