Wien. Am Montag hatte er noch versucht, die Vorwürfe in der "ZiB2" vom Tisch zu lachen. Direkt nach dem ORF-Interview aber hat Gustav Kuhn, Gründungsintendant der Festspiele Erl, seinen endgültigen Rückzug beschlossen. Hans Peter Haselsteiner, Präsident und Mäzen des Festivals, gab dies am Mittwoch in Wien bekannt: Kuhn habe sämtliche Funktionen bei dem Tiroler Festival zurückgelegt. Der umstrittene Musiker werde sich "in ein Kloster zurückziehen und der schnöden Welt für einige Zeit entsagen", erklärte Haselsteiner und machte damit ganz offenbar keinen Witz.

Kuhn zollt damit dem steigenden Druck Tribut. Seit Monaten stehen Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen ihn im Raum, die erst anonym, später unter vollem Namen und detailliert erhoben wurden. Kuhn hat die Anschuldigungen stets bestritten. Im Juli stellte er seine Funktion als Intendant aber vorerst bis zu einer Klärung der Vorwürfe ruhend, im September auch seine Position als Festspiel-Dirigent.

Seit Mittwoch ist nun klar, dass der Abschied endgültig ist - und auch schon der Nachfolger bekannt. Bernd Loebe wird in Zukunft als Geschäftsführer und künstlerischer Leiter verantwortlich zeichnen. Die Suche nach einem neuen Intendanten hatte bereits begonnen, bevor die Skandal-Schlagzeilen richtig Fahrt aufgenommen hatten - es galt, einen Nachfolger für Kuhn zu suchen, dessen Vertrag im Herbst 2020 auslaufen sollte. Nun wird Loebe den Posten schon am 1. September 2019 antreten. Bis dahin waltet Andreas Leisner des Amtes.

"Keine Filiale von Frankfurt"

22 Personen haben sich insgesamt beworben, Loebe war nicht darunter, ist vielmehr von Haselsteiner angesprochen worden. "Ich wollte jemand Erfahrenen, der unbestritten Autorität besitzt und so gut vernetzt ist, dass er die Möglichkeit eröffnet, Spitzenleute zu akquirieren", sagt Haselsteiner. Tatsächlich ist Loebe in der Branche kein Unbekannter: Seit 2002 führt er die Oper Frankfurt, die unter seiner Leitung immer wieder zum Haus des Jahres gekürt worden ist. Die dortige Arbeit will Loebe fortsetzen, Erl aber nicht zu einer "Filiale" degradieren, sondern mit Neuproduktionen und jungen Sängern versorgen. Letztere sollen unter anderem in Zusammenarbeit mit der Juilliard School in New York und der Meistersinger-Akademie im bayerischen Neumarkt gefunden werden. Auch Opernpläne gibt es bereits: Im Sommer 2020 sollen Wagners "Lohengrin" und Humperdincks "Königskinder" gezeigt werden, ab 2021 wird Brigitte Fassbaender den "Ring des Nibelungen" inszenieren; im Jahr 2024 dürfte der Gesamtzyklus vorliegen. Diesen will Loebe aber nicht wie Vorgänger Kuhn innerhalb von 24 Stunden spielen: "So sportlich bin ich nicht."

Und was ist mit den Vorwürfen arbeitsrechtlicher Vergehen, die ebenfalls bestehen? Haselsteiner: "Sie wurden und werden intensiv überprüft." Er nimmt an, dass "nichts übrigbleiben" werde.