Der Herbst 1943, an dem Max Reinhardt, gerade erst 70 Jahre alt geworden, in New York das Leben verlor, verlockte zu ausgedehnten Spaziergängen. Der Emigrant unternahm sie mit Hund. Doch das Tier erwies sich als unberechenbar. Irgendwann biss es seinen Herrn, und der Regiemeister vermochte die (körperliche wie seelische) Verletzung nicht mehr zu verwinden. Reinhardt starb, nach mehreren Schlaganfällen und einer Lungenentzündung, in der Nacht des 31. Oktober in jenem Hotel, in dem er, krank und verarmt, sein letztes Lebensjahr verbracht hatte.

So unspektakulär endete ein Leben, das nach unerhörten Aufschwüngen und einzigartigen Höhenzügen zuletzt, auf der Flucht vor Hitlers Rassenpolitik, durch den Verlust nicht nur des Arbeitsmittels Sprache und Kultur einen unverschuldeten Niedergang erlitten hatte. Über seine Verbannung in die USA meinte ein Kritiker: "Reinhardt passte in diese Welt wie ein Troubadour an ein Buchhalterpult."

Verzauberungstheater

Dass das Theater Verzauberung sein müsse, sorgsam dosiertes und geistvoll angereichertes Reizmittel der menschlichen Fantasie, war kaum einem Bühnenmagier je so bewusst gewesen wie ihm. Und kaum einer hat dieses Bewusstsein jahrzehntelang so überlegen und vielseitig in Taten umgesetzt wie dieser Besessene der Darstellungskunst. Er wusste sich zu engagieren für dieses Wissen, mehr noch: sich buchstäblich mit allen Mitteln auf seine Vision von umfassender Theaterkunst einzulassen.

Er war der Erfinder und Festiger des modernen Regietheaters. Damit setzte er sich in großem Zeitsprung von einer lange vorherrschenden Klassizität des Theaters ab, die sich in einer sterilen Verkümmerung der Darstellungsmittel und einer falsch verstandenen Literarisierung der Bühne erschöpft hatte. Mit Reinhardt nahm zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Spielleiter eine grundlegende Theaterreform in Angriff, der vom Schauspielertum ausging und dessen schöpferische Kräfte sich daher stark in den Dienst der mimischen Interpretation der literarischen Vorlagen stellten.

Schon den Knaben hatte die Theaterleidenschaft wie eine Infektion überfallen. Am 9. September 1873 in der elterlichen Sommerfrische in Baden geboren, besuchte der Sohn des jüdischen Baumwollhändlers Wilhelm Goldmann bereits als 15-Jähriger unentwegt die Wiener Bühnen, allen voran das Burgtheater. Seine Karriere als Schauspieler begann Maximilian Goldmann, der sich fortan Max Reinhardt nannte, nach kurzen Lehrjahren in Wien und Salzburg 1894 am Berliner Deutschen Theater bei dem Naturalisten Otto Brahm. Hier spielte er die nächsten Jahre viel, hauptsächlich die neue Milieudramatik - und, als gerade über 20-Jähriger, mit Vorliebe alte Männer.