Strategiebesprechung: Sabine Haupt und Gregor Bloéb. - © Georg Soulek
Strategiebesprechung: Sabine Haupt und Gregor Bloéb. - © Georg Soulek

Ein steinreicher Unternehmer, der beschließt, aus Langeweile in die Politik zu gehen? Kommt einem bekannt vor. Aber Carl Sternheim, der das Stück "Der Kandidat" 1913/14 nach einer Vorlage von Gustave Flaubert geschrieben hat, konnte Donald Trump noch gar nicht kennen. Dass Sternheim schon damals die verwinkelten Mechanismen der Demokratie aufgespießt hat, macht das Stück verblüffend zeitlos. Diese Aktualität zu beweisen, traten am Mittwoch Regisseur Georg Schmiedleitner und sein Ensemble rund um Hauptdarsteller Gregor Bloéb im Akademietheater an.

Zwei Musiker in Pailletten-Pyjamas (Matthias Jakisic, Sam Vahdat) geben auf Keyboards in den hinteren Bühnenecken den Ton an. Er besteht oft aus elektronischen Äquivalenten zu "Ohs" und "Uhs". Und ab und zu hört man das Rollen einer Roulettekugel. Das passt, denn auf der Bühne (Volker Hintermeier) steht ein abstraktes, leuchtendes Riesen-Rouletterad, das sich mit den Schauspielern dreht und so auch immer wieder zu Körperhumor-Einlagen führt.

Boreout-Prävention

Die Symbolik ist schnell durchschaut, auch, weil ein Running Gag ist, dass sich keiner entscheiden kann zwischen "links" und "rechts". Auch nicht Herr Russek (Bloéb), der sich von Einflüsterern aus allen Lagern gar leicht überzeugen lässt. "Jede Partei hat ihr Gutes", sagt er einmal mit treuherzigem Blick. Konservativ, liberal oder ultrakonservativ, mal sehen, auf welche Partei die Kugel am Ende fällt - ist doch egal, wenn es ohnehin nur darum geht, dass man dem Millionärs-Boreout entgeht.

Viele wollen etwas von Russek - die einen eine neue Seidenstraße, die anderen seine Tochter (Christina Cervenka). Seine Standhaftigkeit gegenüber Begehrlichkeiten seine eigene Familie betreffend nimmt im Laufe des Wahlkampfs deutlich ab. Da wird die Ehefrau schon einmal eingespannt, um den Leitartikelschreiber Bach (Sebastian Wendelin mit dem biegsamsten Rückgrat, das man sich außerhalb eines Zirkus vorstellen kann) zum Kampagnisieren auf seine Seite zu ziehen. Petra Morzé spielt die Gattin doppellüstern - auf Macht wie auf Fremderotik. Rivalen, wie der alte Graf Rheydt (Bernd Birkhahn), werden mit Tricks und Tücke aus dem Weg geschafft, dabei hilft vor allem die Anwältin Evelyn. Sabine Haupt brilliert als elegant-druckvolle Drahtzieherin mit meterlangem Zopf und spinnenartigen Stechschrittchoreografien. Im Intrigentalent ist ihr der Medienunternehmer Grübel (oszilliert zwischen Liebesverzweiflung und Machtgelächter: Florian Teichtmeister) nur wenig unterlegen. Aus Rache pusht er einen Gegenkandidaten, den Fotografen Seidenschnur. Dietmar König, mit gigantischem Phallusobjektiv an seiner scheinbar selbständig agierenden Kamera, die er wie ein Hündchen immer wieder zur Ordnung rufen muss, ist in seiner hemdsärmeligen Jovialität ein authentischer "Seitenblicke-Quereinsteiger", wie ihn Russek einmal beschimpft. Dass Seidenschnur mit den griffigeren Floskeln und einem der berühmten TV-Duell-Taferln (auf dem Russeks Steuerbeitrag von 46,12 Euro steht) Russek trotz einstudierter Posen ein blamables PR-Desaster beschert, besiegelt freilich Seidenschnurs Politkarrierenende. Keiner ist so unbescholten, dass er unbestechlich ist.

Wie man "Wahrheit" konstruiert

Bei der Kandidaten-Konfrontation beweist die Bühnenkonstruktion ihre Vielseitigkeit: Der Spiegel, der erst für eindrückliche Verdopplungen der schwarz-weißen Slapstick-Tableaus gesorgt hat, erhebt sich so, dass das Theaterpublikum in die Inszenierung einbezogen wird. Das verlorene Duell verhindert mitnichten Russeks Wahl. Hat er doch jetzt Bach hinter sich, der Journalist, der seine ganz eigene Vorstellung hat, wie man "Wahrheit" konstruiert.

Bloéb gibt den "Kandidaten" als erst planlos-tumben Simpel im Schlafanzug, der sich im Smartigkeitsfaktor gewaltig steigert, bis er am Ende eine verbindliche Bedrohlichkeit mit Gelfrisur ausstrahlt. Die von Dramaturg Florian Hirsch angefügte Wahlsiegrede trägt er mit dieser gewissen hypnotischen Wirkung vor, die den Inhalt - so läppische Dinge wie die Änderung der Staatsform - fast überhören lässt. Eine unterhaltsame Lehrstunde in Populismuskunde, die erholsam unaufdringlich mit konkreten tagespolitischen Bezügen umgeht.