RSO soll wachsam bleiben: Bertrand de Billy. - © Borggreve
RSO soll wachsam bleiben: Bertrand de Billy. - © Borggreve

Wien. Wie viele Symphonien hat Beethoven geschrieben? Drei, besagt ein alter Witz: die Dritte, die Fünfte und die Neunte.

Etwas Ähnliches könnte man über das Opernschaffen von Richard Strauss behaupten. Wohl war der Münchner ein emsiger Notenschreiber. Wirklich berühmt aber ist nur ein Drittel seiner 15 Titel geworden. Liegt es daran, dass dieses Œuvre doch von recht gemischter Qualität ist? Dass etwa Strauss’ letzter Streich, die Künstleroper "Capriccio", wie eine blasse Fortführung von "Ariadne" wirkt?

Bertrand de Billy sieht das anders. "Ich finde das Stück genial, auch wenn es scheinbar heutzutage nicht mehr so einfach zu verstehen und goutieren ist. Strauss selbst hat erklärt, es sei etwas für Feinschmecker." De Billy dirigiert die Oper ab Montag in einer Neuproduktion des Theaters an der Wien: Ein Autor und ein Komponist buhlen auf der Bühne um eine Rokoko-Gräfin. Die hat nicht nur zwischen den Kavalieren zu wählen, sondern damit auch eine Streitfrage zu entscheiden: Was ist bedeutsamer für die Oper, Wort oder Musik? De Billy: "Es wirkt zwar, als würde Strauss diese Frage nicht beantworten; in der Musik aber, und das finde ich ziemlich genial, wird doch recht klar, wofür sein Herz schlägt." Also die Tonkunst? "Mit Bestimmtheit kann ich das nicht sagen, weil es ja nicht im Libretto steht; aber für mich klingt es schon durch."

Versteckte Pointen en masse


Überhaupt klinge vieles aus dieser Oper heraus - wenn man nur geduldig hineinlausche. Beispiel: "An einer Stelle spricht der Theaterdirektor von einem Schauspieler namens Lekain, den er entdeckt habe. Diesen Lekain hat es wirklich gegeben, Voltaire hat ihn gefördert. Ich bin Franzose, und nicht einmal ich habe Lekain gekannt. Strauss öffnet immer wieder solche Türen in die Geschichte." Zudem glänze die Partitur vor Pointen und Finessen. "Wenn es etwa um langweilige Musik geht, spielen die Streicher ‚gähnende‘ Klänge. In fast jedem Takt findet man solche figurativen Effekte, man wird süchtig danach, je mehr man ins Werk eindringt."

Dennoch: Ist dieses "Konversationsstück", mit einer pausenlosen Dauer von zwei Stunden 20, nicht etwas länglich? "Dramaturgisch ist das alles perfekt kalkuliert. Strauss weiß, dass es für das Publikum schwer wird - ohne Pause, ohne eine wirkliche Melodie. Kurz vor dem Ende kommt aber dann diese wundervolle ‚Mondscheinmusik‘, die ja bereits vorher im Stück immer wieder anklingt. Viele Leute sagen: ‚Ja, das Ende ist toll.‘ Aber man würde dieses Ende nicht so toll finden, wäre die Musik davor nicht, nun ja - auch manchmal nicht einfach."