• vom 06.04.2012, 16:55 Uhr

Kultur

Update: 07.04.2012, 11:05 Uhr

Theaterkritik

Jelineks "Winterreise": Geisterbahnfahrt ins Diesseits




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Von Bernhard Baumgartner

  • Akademietheater
  • Elfriede Jelinek begeistert bei der österreichischen Erstaufführung der "Winterreise".

Simon Kirsch und Gerrit Jansen hängen wie Marionetten an der Schräge. - © Georg Soulek.Burgtheater.

Simon Kirsch und Gerrit Jansen hängen wie Marionetten an der Schräge. © Georg Soulek.Burgtheater.

Selten gibt es Theaterabende, die zu berühren vermögen. Die versöhnen mit der üppigen Flut des Mittelmaßes, mit Regisseuren, die sich in Überschätzung ihrer Bedeutungslosigkeit über den Text stellen und mit der Streitaxt durch das Stück marschieren. Regisseur Stefan Bachmann tut das in der österreichischen Erstaufführung von Elfriede Jelineks "Winterreise" am Donnerstagabend im Akademietheater nicht - obwohl gerade Jelineks postdramatische Texte den Regisseur geradezu einladen, sich an ihnen zu vergreifen. Die mächtigen Wortlawinen, die Jelinek lostritt, ohne erkennbare Struktur, ohne Figuren, ohne Handlung -sie werden dem Theatermacher hingeworfen, wie zum Fraß. Aber Bachmann widersteht der Verlockung und geht vergleichsweise behutsam an das Textgewebe der Literaturnobelpreis-Trägerin heran.

Information

Theater
Winterreise
Von Elfriede Jelinek.
Stefan Bachmann (Regie)
Mit Dorothee Hartinger, Gerrit Jansen, Simon Kirsch, Melanie Kretschmann, Rudolf Melichar,
Barbara Petritsch.
Jan Plewka (Gesang)
Akademietheater
Wh.: 9., 17. und 22. April.


Hölle des Hütten-Halli-Galli
In der "Winterreise", angelehnt an den gleichnamigen späten und somit todesnahen Liedzyklus Franz Schuberts, führt Jelinek den Zuschauer durch die Geisterbahn der Zeit. Die Schreckgespenster des Heute, von den Finanzhaien, die "die Braut schmücken, um sie zu verkaufen", über das Mädchen aus dem Keller, das an Natascha Kampusch erinnert, bis hin zum besinnungslosen Hütten-Halli-Galli: Jelinek lässt sie alle aufmarschieren.

Der Text wird dabei jeweils von einem oder auch mehreren Schauspielern gesprochen. Einfach, zweifach, mehrfach, alleine oder gleichzeitig, zeitversetzt. Das alles desorientiert, es fordert heraus - aber es öffnet auch den Worten die Türe ins Bewusstsein, sie dringen ein, setzten sich fest und tun, was sie tun sollen: den Betrachter vom passiven Konsumenten zum Mitdenker zu machen. Ein exquisites Erlebnis.

Das alles unterstützen Regie und Bühnenbild (Olaf Altmann) auf geniale Weise durch surreale Bilder. Die Bühne ist eine schwarze Schräge, ein Loch in der Mitte wird zum Angelpunkt. Aus dem Loch tauchen Figuren auf und verschwinden darin. Von oben werden über die Schräge immer wieder Schauspieler an Seilen heruntergelassen, vielfach in Wintersportkostümen: Da wird gerodelt, geboardet und abgefahren.

Jan Plewka, Schauspieler und Frontman der Band Selig, erweist sich als Ass im Ärmel dieser außergewöhnlichen Inszenierung. Er interpretiert, in Klavierbegleitung von Felix Huber, Schuberts "Winterreise". Seine charakteristisch dunkle, gebrochene und heisere Stimme wirkt dabei als ausgesprochen passender ironischer Kontrapunkt zu Schuberts romantischen Motiven.

Obgleich das Stück durchaus ernsthafte Themen verhandelt, hat es auch komödiantische Höhepunkte. Wenn Gerrit Jansen als Braut über das soziale Netz, das uns andere Menschen zum Gebrauch zuführt, spricht, kann man sich das Lachen kaum verkneifen. Das Netz, das so unsere sexuellen Bedürfnisse deckt, wird so als groteskes Menschenkarussell entlarvt. "Man gibt sein Passwort ein und ein Mensch kommt herausgekrochen." Und wenn es nicht klappt, kommt gleich der Nächste.

Meisterhaft sind dabei die Texte Schuberts in das Jelineksche Wortgebirge eingewoben. "Einen Weiser seh’ ich stehen/Unverrückt vor meinem Blick/Eine Straße muss ich gehen/Die noch keiner ging zurück" - spricht hier ein dementer Mann, ein Pflegefall, der abgeschlossen und die Welt durch die eigene ersetzt hat.

Selten gibt es Theaterabende, die zu berühren vermögen. Dieser hier war so einer.




Schlagwörter

Theaterkritik, Kritik, Theater

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Dokument erstellt am 2012-04-06 17:02:14
Letzte Änderung am 2012-04-07 11:05:44


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