• vom 20.04.2012, 19:17 Uhr

Kultur

Update: 20.04.2012, 19:18 Uhr

Theater in der Josefstadt

Tragödie im Zeitraffer




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Von Hilde Haider-Pregler

  • Theater in der Josefstadt
  • Neubearbeitung von O’Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht"

Scherben bringen hier Unglück: Helmuth Lohner (James) und Ulli Maier (Mary).

Scherben bringen hier Unglück: Helmuth Lohner (James) und Ulli Maier (Mary). Scherben bringen hier Unglück: Helmuth Lohner (James) und Ulli Maier (Mary).

Als die Premiere von Eugene O’Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" nach etwa eineinhalb Stunden zu Ende ging, dauerte es noch eine Weile, bis sich das Publikum zu höflichem Beifall aufraffte. Wartete man doch noch auf das Schlussbild mit dem berührenden Auftritt der morphiumsüchtigen, in Jugendträume retirierten Mutter. Doch diese Szene ist, wie manch andere auch, in der radikalen Neufassung von Regisseur Torsten Fischer und seinem (auch für Bühnenbild und Kostüme verantwortlichen) Dramaturgen Herbert Schäfer ersatzlos gestrichen.

Information

Theater
Eines langen Tages Reise in die Nacht
Von Eugene O’Neill
Spielfassung: Torsten Fischer und Helmut Schäfer
Theater in der Josefstadt
Tel.: 01/42700-300
Wh.: 21., 25. April; 2., 5. Mai


Fischer und Schäfer decken in ihrer Bearbeitung des derzeit viel gespielten Familiendramas, in dem sich Eugene O’Neill 1940 mit seiner eigenen Geschichte auseinandersetzte, von Anfang an brutal auf, was die Figuren vor sich selbst und vor den anderen zu verbergen versuchen, bis sie sich am Ende des Tages der Wahrheit stellen müssen.

Rigorose Entlarvung schon nach dem Frühstück
Auf der Josefstädter Bühne wird bereits nach dem Familienfrühstück mit den Verschleierungstaktiken rigoros aufgeräumt. Kein Zweifel: Der aus kleinsten Verhältnissen stammende, zum gefeierten Schauspieler aufgestiegene James Tyrone steckt sein Vermögen aus Angst vor Verarmung in Immobilien und gebärdet sich seinen Angehörigen gegenüber, auch wenn es um deren Gesundheit geht, als Geizkragen. Die Entziehungskur seiner - infolge einer Kurpfuscherbehandlung - drogensüchtigen Frau Mary ist wieder einmal schiefgegangen; der ältere Sohn Jamie ist ein Versager und Alkoholiker; Edmund, der jüngere, schwer tuberkulös. Man spielt die Situation zwar im Gespräch herunter, zeigt aber in aggressiven Handlungen, bei denen auch die Scherben klirren, dass man alles durchschaut. Dass sich diese Menschen allesamt auch nach Liebe und Zuwendung sehnen, wird da kaum spürbar.

Helmuth Lohner als der einst bejubelte Mime hat starke Momente, wenn er als im Grunde hilfloser, selbstmitleidiger Beobachter des Familiendesasters unter Berufung auf Shakespeare den Komödianten hervorkehrt und zugleich seine Bildungslücken offenbart.

Ulli Maier als Mary hat den Kampf gegen sich selbst längst aufgegeben und muss alsbald ganz offen in einem Fixer-Bild zeigen, dass sie wieder an der Nadel hängt. Sie braucht daher auch nicht - wie bei O’Neill - ein Dienstmädchen, um sich die Droge zu verschaffen, sondern macht sich selbst zum Apotheker auf. Ihre Angehörigen halten sie auch nicht auf, als sie sich mit der Bemerkung "die Dosis war zu schwach" zum wohl letzten, ihren endgültigen Zusammenbruch herbeiführenden Schuss zurückzieht.

Fischers Familienhölle lässt Vielschichtigkeit vermissen
Wie sehr die beiden Söhne einander in Hassliebe verbunden sind, wird bei deren nächtlicher Auseinandersetzung eindrucksvoll deutlich: Markus Gertken bringt überzeugend Jamies Zwiespalt zwischen Eifersucht und Zuneigung für den gehätschelten, kränkelnden jüngeren Bruder zum Ausdruck, wobei es allerdings nicht nur bei einem seelischen Striptease verbleibt. Michael Dangl als Edmund ist ihm ein eher passiver Widerpart, der sich tapfer durchs Geschehen hustet.

O’Neills Figuren, vom Autor selbst als Persönlichkeiten "voller Liebe, einander bemitleidend, verstehend aber dabei völlig ohne Verständnis" charakterisiert, sind trotz respektabler Schauspielerleistungen weit vielschichtiger als die Menschen in Torsten Fischers Familienhölle.




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Dokument erstellt am 2012-04-20 15:53:05
Letzte Änderung am 2012-04-20 19:18:06


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