• vom 24.04.2012, 16:38 Uhr

Kultur

Update: 24.04.2012, 17:28 Uhr

Oper

Revolution streichelt ihre Kinder




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Von Jörn Florian Fuchs


    Montezumas Rache: Birgit Beckherrn mit Federkrone.

    Montezumas Rache: Birgit Beckherrn mit Federkrone. Montezumas Rache: Birgit Beckherrn mit Federkrone.

    Mit leicht-unruhigem Trommelgewirr geht die Chose los. Von allen Seiten kommt das, vor allem aus den Rängen. Vorn auf der Bühne des Saarländischen Staatstheaters nehmen derweil gemächlich festlich gekleidete Musiker Platz, Gesangssolisten erscheinen, auch der Dirigent eilt herbei. Wir sehen einen Konzertsaal im Stil der 50er Jahre. Bald strömen gewaltige Orchesterfluten, zarte Kantilenen heben und senken sich in einem häufig nervös durchzuckten Klangmeer. Ganz oben thront sogar ein Organist, der zwar Noten hat, aber nichts spielt. Eine geschlagene halbe Stunde lang wird in Saarbrücken Mexiko ausschließlich konzertant erobert.

    Information

    Oper
    Die Eroberung von Mexico
    Von Wolfgang Rihm
    Thomas Peuschel (Dirigent)
    Inga Levant (Regie)
    Theater Saarbrücken


    Und das sehr schön und konzentriert. Es ist wunderbar, wie Gesungenes mit hohem Blech und schrillem Schlagwerk korrespondiert, wie der Komponist Wolfgang Rihm immer neue Farbmischungen entwirft. Der vom Band eingespielte Chor (von der Hamburgischen Staatsoper) ergeht sich dabei vorwiegend in minimalistisch erregten Tutti-Wallungen.

    Nach dreißig Konzertminuten gibt es dann doch noch etwas, dass den Begriff Inszenierung vielleicht nicht wirklich verdient, aber immerhin: Es schleichen ein Mann mit schwarzen Flügeln und eine Frau in Federschmuck herum und singen sich an. Es handelt sich um Montezuma (von der Sopranistin Birgit Beckherrn mit viel Kraft und Schönheit interpretiert) und Cortez (der hinreißende Bariton James Bobby).

    Zustände ausloten
    Wolfgang Rihm erzählt eher nebenbei vom Konflikt zweier Kulturen, zentraler sind für ihn Fragen nach der Verknüpfung von Geschlecht und Macht. Das gesamte Werk durchzieht immer wieder das gesungene, gekeuchte oder geschriene Triptychon neutral-weiblich-männlich. Dazu greift der Komponist auf einen Text des französischen Grenzgängers Antonin Artaud zurück. Auch ein existenzialistisch düsteres Gedicht von Octavio Paz schwingt mit hinein in dieses experimentelle Musiktheater, das vor allem Zustände generieren und ausloten will. Cortez’ Gier nach Gold, Montezumas mal ablehnende, mal neugierige Haltung dem absolut Fremden gegenüber läuft bei Rihm nur als Hintergrundrauschen mit.

    Fluxus-Fasching
    Auch Regisseurin Inga Levant verzichtet auf zu viel Konkretes. Allerdings folgt auf den anfänglichen konzertanten Stillstand bald ein szenischer Overkill: Omis schneiden Musikern die Krawatten ab, Flugblätter flattern herum, man entkleidet sich ein wenig und tanzt wild herum, Montezuma trägt plötzlich ein Che-Guevara-T-Shirt, eigenartige Tierwesen kriechen am Boden. Dies alles ist rasch ermüdender Fluxus-Fasching, der wohl erhoffte Exzess kommt bieder daher.

    Der vermeintliche Organist entpuppt sich übrigens als Doppelgänger Artauds und brüllt ziemlich viel, nebenbei räkelt er sich ein wenig am Geländer des Dirigentenpodests. Man erweist Artaud einen Bärendienst. Denn Boris Pietsch quietscht sich durch seine Partie bis zur Peinlichkeit. Artaud wollte ein Theater der Eskalation, in Saarbrücken zertrümmert der Pseudo-Artaud eine Papp-Orgel und schmiert sich mit Farbe ein. Der wirkliche Glanzpunkt dieser Premiere war das von Thomas Peuschel gut präparierte Orchester.

    Schade um den Aufwand!




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2012-04-24 16:44:06
    Letzte Änderung am 2012-04-24 17:28:39


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