• vom 26.04.2012, 18:45 Uhr

Kultur

Update: 26.04.2012, 18:50 Uhr

Frank Castorf

Erfolg für eine rare Borodin-Oper, Schlappe für Castorfs "Amerika"




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Von Oliver Schneider

  • Fürst Igor obsiegt in Zürich, eine Kafka-Figur scheitert.

Gewaltiges Drama: Valery Murga (r.) in "Fürst Igor".

Gewaltiges Drama: Valery Murga (r.) in "Fürst Igor".

Zürich.In Russland gehört Alexander Borodins "Fürst Igor" seit jeher zum festen Bestandteil des Repertoires, denn das Werk eignet sich ideal zur Heroisierung politischer Führer jeglicher Couleur. Borodin, 1887 jäh verschieden, hinterließ die Oper als Fragment. Vollendet oder besser großteils neu komponiert wurde sie von Rimski-Korsakow und Alexander Glasunow. David Lloyd-Jones besorgte für das Opernhaus Zürich nun eine gereinigte Fassung, mit der vor allem Igor stärker in den Mittelpunkt gestellt wird und aus dramaturgischen Gründen die ersten beiden Akte vertauscht werden.


David Pountney und sein Ausstattungsteam beschränken sich auf ein szenisches Minimum, fokussieren auf die Solisten und den Chor als einen der Hauptprotagonisten (vorbildlich einstudiert von Jürg Hämmerli) und liefern so eine kritisch-historische Studie über Russland als Tor zum Orient. Die Niederlage gegen die von Khan Kontschak (mächtig orgelnd: Pavel Daniluk) geführten Polowzer erlebt Igor (mit charaktervollem Bass: Egils Silin) von seinem über weite Strecken in der Bühnenmitte platzierten Schreibtisch aus. Von dort muss er auch mitansehen, wie sich sein Sohn in die Tochter des Khans (mit verführerischem, dunklem Mezzo: Olesya Petrova) verliebt. Die Polowzer sind bei Pountney gewaltbereite islamische Extremisten; zu den Polowzer-Tänzen werden gefangene Russen folgerichtig brutal misshandelt (Choreografie: Renato Zanella). Als Igor geschlagen in die Heimat zurückkehrt und trotzdem zum Nationalhelden stilisiert wird, senkt sich ein goldenes Reiterstandbild herab.

Unter Wladimir Fedossejew bringt das Orchester des Opernhauses Zürich das facettenreiche Bild der originaleren Partitur klar zum Ausdruck. Fedossejew arbeitet vor allem die lyrischen Qualitäten des Werkes heraus, was der durchsichtigen Stimmdurchdringung förderlich ist und die meist präzisen Holz- und Blechbläser schön zur Geltung kommen lässt. Die nötige Opulenz lässt er in den Chorszenen walten.

Noch mehr Sitzfleisch als für diesen "Igor" mit Wagner’schen Ausmaßen benötigt man für Frank Castorfs aktuelle Roman-Dramatisierung in Zürich - sie gilt Kafkas Romanfragment "Amerika" und dauert geschlagene viereinhalb Stunden. Es geht um den jungen Karl Rossmann, der von den Eltern nach Amerika verschifft wird, weil er von einem Dienstmädchen verführt worden ist. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sucht er nun sein Glück und scheitert trotz sisyphusartigen Abmühens.

Für die erste Stunde begeben sich die Zuschauer ins freie Atrium der Schiffbauhalle, der Dependance des Schauspielhauses, wo Aleksandar Denić das Oberdeck des Ozeanliners nachgebaut hat. Hier erlebt der Abend seine größte Spannung, weil Castorf sich um eine echte Dramatisierung bemüht, angereichert um Rückblenden in Karls Vergangenheit, Kafka’sche Tagebucheinträge, die Karls aussichtslose Situation verdeutlichen.

In der Schiffbauhalle selbst hat Denić die Eisenkonstruktionen um eine New Yorker Subway-Station im Jahrhundertwendestil aufgebaut. Wie stets bei Castorf wird immer wieder in Kammern, aber auch im nachgebauten Lift des Hotels "Occidental" gespielt, geschrien, musiziert, gefilmt. Im Laufe des Abends lassen zusätzliche Themen wie Fremdenfeindlichkeit, sozialistische Kampfparolen und natürlich viel Slapstick den zuerst konzisen Abend leider aus den Fugen geraten.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-04-26 15:29:03
Letzte Änderung am 2012-04-26 18:50:33


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