Mit "Angelo" (derzeit im Kino) erzählt Markus Schleinzer in stilistisch wohldurchdachten Fragmenten vom Leben des einstigen "Hofmohren" Angelo Soliman, der als Kind aus Afrika nach Wien verschleppt wurde und hier dem Adel nicht nur als Attraktion galt, sondern - ausgestopft nach seinem Tod - auch als Ausstellungsstück.

"Wiener Zeitung": Von Ihrem Erstlingsfilm "Michael" (2011) bis zu "Angelo" ist nicht nur viel Zeit vergangen, es ist auch ein großer ästhetischer Schritt dazwischen. Wie haben Sie in das Projekt hineingefunden?

Markus Schleinzer: Wenn man so spät anfängt mit dem Filmemachen wie ich und man weiß, dass man nicht mehr so viel Lebenszeit zum Filmemachen hat wie ein 20-jähriger, dann überlegt man sich ganz genau, womit man seine Zeit verbringen möchte. Ich will nicht etwas wiederholen, was ich schon einmal gemacht habe. Ich hatte hingegen eine unglaubliche Lust, nach der Trockenheit, die "Michael" ausgelöst hat, etwas Bunteres zu machen. Wir hatten uns damals verboten, einen süffigen, sinnlichen Film zu drehen, weil das mit dem Thema nicht funktioniert hätte. Ich wollte danach einfach etwas Schönes machen, wieso also nicht etwas Historisches? Die historische Tradition im österreichischen Film ist nach Axel Corti und Karin Brandauer verschwunden.

Regisseur Schleinzer: "Heimat ist keine Ware." - © Katharina Sartena
Regisseur Schleinzer: "Heimat ist keine Ware." - © Katharina Sartena

Corti, Brandauer: Filmemacher, mit denen Sie aufgewachsen sind?

Auch. Aber es gab noch andere: Ich habe als Kind wahnsinnig viel Schule geschwänzt und bin dann oft bei meiner Großmutter zuhause gewesen, wo wir uns zusammen den Vormittagsfilm um 10.30 Uhr angeschaut hatten. Das waren meistens österreichische Schwarzweißfilme mit Susi Nicoletti, Paul Hörbiger oder Hans Moser. Großartige Filme, die meist historisch waren, weil sie im Nachkriegsösterreich Fluchtpunkte waren für die Zuschauer. In meiner Jugend dachte ich, so muss Film sein. Und nach einem historischen Stoff, mit opulenten Kostümen habe ich mich gesehnt.

"Licht" von Barbara Albert und "Amour fou" von Jessica Hausner sind jüngere Verfilmungen historischer Stoffe. Ein Trend?

Kann man sagen. Man traut sich wieder an die historischen Stoffe heran, auch, wenn es heute ganz andere Zugänge sind als früher im Unterhaltungsfilm. Aktuelle Thematiken, die man im Kino findet, werden von politischen Strömungen mitbestimmt. In politisch instabilen Zeiten, oder wenn die Leute in ihrer Gegenwart mit Sorgen belastet sind, weicht man gerne aus. Man weicht aus jeder Form von Realität aus. Das ist der Grund, weshalb Filme mit Drachen, Zwergen und Elfen oder mit Fake-Worlds wie "Game of Thrones" so beliebt sind: Weil sie nichts mit der eigenen Realität zu tun haben. Das ist eine Form von Realitätsvergessen, die derjenigen ähnelt, mit der ich aufgewachsen bin, mit all den schwarzweißen verklärenden Historienfilmen.