"Angelo" hat aber so gar nichts von historischem Wohlfühlkino.

Film kann so etwas leisten: Also Unterhaltung bieten, damit man sich die Seele auswaschen kann. Aber Film muss es nicht zwingend leisten. Film kann auch gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen und aufmerksam machen. "Amour fou" aber auch "Angelo" zeigen zwar ein historisches Setting, laden aber dazu ein, eine Parallele zum Heute zu ziehen und über sie nachzudenken.

Auffallend an "Angelo" ist die Erzählform: drei Kapitel, sehr fragmentarisch. Wie kam es dazu?

Die Form des Films hat mir das Wenige, was man über Angelo Soliman recherchieren kann, auferlegt. Viel weiß man ja nicht. Man kann also nur fragmentarisch arbeiten und muss Dinge auch interpretieren. Ben Kinglsey hat seinen Gandhi auch interpretiert und nicht kopiert. Bei historischen Personen muss man sich im Klaren sein, dass man sich bestenfalls an sie annähern, aber niemals die Wahrheit über sie zeigen kann. Wie Film überhaupt nicht in der Lage ist, Wahrheit abzubilden.

Angelo Soliman war Sklavenkind und Ausstellungsobjekt, zugleich auch Schmuckstück für die Wiener Gesellschaft.

Das war seine Hauptaufgabe: Herr Soliman war wegen uns da. Wir haben ihn gebraucht oder missbraucht, man hat ihn hierher verschleppt, er war ein Ornament am Fürstenhof, das nur dazu da war zu repräsentieren, was für eine allumfassende Macht dieser Herrscher hatte.

Insofern ist Angelo auch eine Projektionsfläche für die Menschen der damaligen Zeit?

Ja, das kann man so sagen, er ist es bis heute. Ich war fasziniert in meiner Recherche, wie unterschiedlich Soliman auch von der Wissenschaft diskutiert wird. Bis heute ist man uneins darüber, welche Position Angelo in der Vergangenheit gehabt hat und welche er in der Gegenwart hat. Die Meinungen reichen da von der Sicht, dass Angelo so dankbar für sein Leben hier war, dass er am Ende seine Haut gespendet hat, bis zum entgegengesetzten Pol, der sagt, Angelo war ein reines Missbrauchsopfer. Es gibt auch solche, die sagen: Angelo ist das erste gelungene Beispiel für Migration. Ob aber ein gelungenes Beispiel für Migration mit einer Entführung beginnen kann, ist auch zu hinterfragen.

Inwiefern ist der Film für Sie auch ein Zeitkommentar?

"Angelo" ist für mich kein tagespolitischer Film. Das wäre auch ein Fehler, denn ein solcher Film hätte nur eine kurze Halbwertszeit. Ich glaube, es ist ein politischer Film, weil er sich mit Themen und Begriffen auseinandersetzt, die es zu jeder Zeit gegeben hat. Das sind zum Beispiel Themen wie Heimat, Migration, das Anderssein, das Andersartige, das gab es zu jeder Zeit, seit Menschen zusammenleben. Es ist immer wichtig, zu sehen, was diese Begriffe in unserer heutigen Zeit bedeuten. Es wird viel über Heimat und Migration gesprochen, aber nicht wirklich. Man spricht weniger über das Gelingen von Migration, man missbraucht vielmehr diese Begriffe, um Ängste zu schüren. Heimat ist ein emotionalisierter Begriff. Heimat ist keine Ware, die man literweise oder kiloweise kaufen könnte. Heimat ist vielmehr eine Phantasie. Der Begriff dient unser aller Identifikation, das können auch Texte, Einstellungen, Philosophien sein. Heimat ist etwas, auf das ich mich beziehen muss, um zu sagen: Das bin ich.