Er repräsentiert über ein halbes Jahrhundert Comic-Geschichte wie kein anderer vor ihm: Stan Lee, der "Erfinder" von Comic-Helden wie Spider-Man, Hulk und den X-Men, ist tot. Er erreichte das biblische Alter von 95 Jahren, und das, zusammen mit seinem unbändigen Einsatz für seine Schöpfungen, seinem verschmitzten Humor und seinen zum Kult gewordenen Cameo-Auftritten in den Marvel-Verfilmungen, machte ihn bis zuletzt zum absoluten Kultstar der Comicindustrie. Eine lebende Legende im Universum einer Popkultur, die er selbst mitgestaltet hat. Ein Showman, ein Selbstdarsteller, einer, der seine Fans regelmäßig bei allerlei Comic-Conventions mit seiner Anwesenheit beglückte, bis zuletzt.

Aber es gibt auch Schatten im Leben des Strahlemanns: Erst vor einem Monat hatte der rüstige Rentner, dessen Ehefrau 2017 im Alter von 93 Jahren starb und der seither in seinem Haus von Pflegerinnen betreut wird, eine längere Periode des Schweigens gebrochen, nachdem man ihm im Frühjahr 2018 vorgeworfen hatte, einige seiner Pflegerinnen sexuell belästigt zu haben. Seine Anwälte wiesen alle Anschuldigungen zurück, und auch der Gerichtsstreit zwischen Lee und seiner Tochter J.C. um das auf 50 Millionen Dollar geschätzte Vermögen Lees beherrschte die Schlagzeilen.

Stan Lee: "Superkräfte bedeuten nicht automatisch, dass man makellos ist." Lee liebte Helden mit Handicap. - © afp
Stan Lee: "Superkräfte bedeuten nicht automatisch, dass man makellos ist." Lee liebte Helden mit Handicap. - © afp

Armer, reicher Mann

Lee könnte angesichts seiner Figurenschöpfungen noch um ein Vielfaches reicher sein. "Ich war einfach nie gierig genug", hat er einmal in einem Interview gesagt. Doch Lee ist noch einer der Gewinner in der knallharten Comicbranche. Viele der Zeichner hatten weniger Glück: Die Superman-Erfinder Jerry Siegel und Joe Shuster haben fast 40 Jahren mit DC Comics prozessiert, um einen gerechten Anteil am Erfolg ihres Helden zu bekommen. Batman-Schöpfer Bob Kane erhielt zwar eine entsprechende Entlohnung, Co-Erfinder Bill Finger aber keinen Cent. Und Lees Partner, der Zeichner Jack Kirby, mit dem er Black Panther, Iron Man und den Hulk erfand, konnte mit Marvel zu Lebzeiten niemals einen befriedigenden Deal schließen. Erst seine Nachfahren erreichten 2014 mit einer Klagswelle eine entsprechende Einigung, 20 Jahre nach seinem Tod.

Lee, der 1922 in New York als Sohn rumänisch-jüdischer Einwanderer geboren wurde und bürgerlich Stanley Martin Lieber hieß, war erst 17, als er 1939 bei Timely Comics begann, ein Verlag, der später in Marvel Comics umbenannt wurde. Er verhalf dem Haus mit seinen Comicserien durch eine wirtschaftlich maue Zeit in den 40er und 50er Jahren, ehe er 1961 zusammen mit Zeichner Kirby die "Fantastic Four" erfand, die man der erfolgreichen DC-Reihe "Justice League" entgegensetzen wollte, in der unter anderem Superman, Batman und Wonder Woman auftraten. Lees und Kirbys Figuren kamen gut an, und Mavel machte Gewinne. Ein Jahr später wurde das Verlagshaus zur Gelddruckmaschine, als Spider-Man geboren wurde, einer der populärsten Comic-Helden der Geschichte. Das erste Abenteuer von "Spidey" zierte die letzte Ausgabe von "Amazing Fantasy", die im Sommer 1962 erschien. Es war nur elf Seiten lang, und gezeichnet wurde es von Steve Ditko.