Lars von Trier: "Ich gehe nun einmal gerne an die Schmerzgrenze." - © Katharina Sartena
Lars von Trier: "Ich gehe nun einmal gerne an die Schmerzgrenze." - © Katharina Sartena

Uma Thurman kriegt nicht lange Zeit: Gleich, als sie ins Auto des Serienkillers Jack (Matt Dillon) steigt, zieht er ihr einen eisernen Wagenheber drüber, was sie nicht überlebt. Was dann folgt, sind Szenen grausamster Brutalität. Einer Frau werden die Brüste abgeschnitten, ein vierfacher Kindesmord wird in aller Explizität herzeigt, so direkt, dass viele Zuschauer bei der Premiere in Cannes den Saal verließen. Als wollte Lars von Trier damit sogar Michael Hanekes "Funny Games" toppen.

Es geht um den neuen Film des dänischen Ausnahmeregisseurs. Der nennt sich "The House That Jack Built" und schildert aus der Perspektive des titelgebenden Serienmörders eine Vielzahl von geradezu orgienhafter Gewalt. 60 Tote hat Jack schon auf dem Gewissen, jetzt erzählt er einem lange nicht ins Bild kommenden Gegenüber (Bruno Ganz) davon - eine Beichtsituation, die Lars von Trier schon in "Nymphomaniac" etabliert hat, als er Charlotte Gainsbourg über ihre sexuellen Abgründe berichten ließ und Stellan Skarsgard zuhörte. Von Trier zitiert sich in seinem neuen Film überhaupt unentwegt und schamlos selbst, mit Einstellungen, die man schon so oder ähnlich gesehen hat. Es ist wie die Summe aller Filme, die Lars von Trier je gemacht hat, wie die Summe aller Abgründe, in die er und sein Publikum je geblickt haben.

Die Spitze der Grausamkeiten

Matt Dillon als Serienkiller Jack. - © Filmladen
Matt Dillon als Serienkiller Jack. - © Filmladen

Ein Film als Selbstporträt seines Schöpfers also? "Einen Film über einen bösen Mann" nennt der Regisseur sein Werk, und ja, das trifft zu; auch setzt sich "The House That Jack Built" mühelos an die Spitze der Grausamkeiten aus dem Werk des Dänen. Ist es da wieder zuallererst die eigene Psyche des Filmemachers, die kuriert werden will? Oder steckt vor allem der Wunsch nach absoluter Provokation dahinter?

Penibel verpackt Jack seine Opfer. - © Filmladen
Penibel verpackt Jack seine Opfer. - © Filmladen

Man muss ihm das schon lassen: Von all den hochgelobten Filmkünstlern in Europa versteht es Lars von Trier vielleicht am besten, Erwartungen zu schüren (und auch zu enttäuschen) und seine neuen Projekte stets emotional derartig aufzuladen, dass es nur so kracht. Bei der Filmparty zu von Triers "Antichrist" (2009) gab es keinen DJ, der Musik auflegte, sondern nur den tief wummernden Soundteppich des Unbehagens, der auch den Film beherrscht. Eine Filmerfahrung, die über den Film hinaus reichte. Wohlfühlkino will das nicht sein, überhaupt sind Kategorisierungen bei von Triers Arbeit zum Scheitern verurteilt, weil sie schlicht zu kurz greifen. Am besten ließe es sich vielleicht so sagen: Seine Filme sind Störfälle des Weltkinos. Sie suchen die Konfrontation mit ihren Betrachtern, sie scheuen nie den Skandal, den Aufruhr und den Tabubruch. Es ist in der Tat überhaupt gar nicht so leicht, heutzutage noch Tabus zu brechen; Lars von Trier schafft das aber mit jedem seiner Filme aufs Neue.