In "Lumière!" (derzeit im Kino) gibt 104 der frühen Filmkunstwerke der Brüder Auguste und Louis Lumière zu sehen, die am 28. Dezember 1895 ihre Erfindung, den Kinematographen, im Pariser Grand Café erstmals der zahlenden Öffentlichkeit präsentierten. Cannes-Festivalchef Thierry Frémaux hat sich für den Film mit den Lumières auseinandergesetzt.

"Wiener Zeitung": Sie haben als Festivalchef von Cannes die Seite gewechselt und einen Film über die Brüder Lumière gemacht. Ist das nicht ein Konflikt, ins andere Lager "überzulaufen"?

Thierry Frémaux: Nein. Deshalb heißt es im Vorspann zu "Lumière!" ja auch nicht "directed by", sondern "composed and documented by Thierry Frémaux". Es ist kein Film von mir, sondern einer von den Lumière-Brüdern. Ich habe ihre Filme bloß arrangiert. Ich will gar kein Regisseur sein, solange ich in Cannes bin. Ich beurteile jedes Jahr 1800 Filme, und es gibt so viele großartige Regisseure, die diese Berufsbezeichnung mehr verdienen als ich.

Unter Palmen: Thierry Frémaux an seinem eigentlichen Arbeitsplatz in Cannes. - © Katharina Sartena
Unter Palmen: Thierry Frémaux an seinem eigentlichen Arbeitsplatz in Cannes. - © Katharina Sartena

Können Sie sich seit der Präsentation von "Lumière!" in die Lage versetzen, in der sich die Regisseure befinden, wenn sie ihre Filme in Cannes präsentieren?

Ja, absolut! Aber in dem Moment bange ich nicht um mein Ansehen, sondern um jenes der Lumières! (lacht) Aber sie haben recht: Man ist da schon sehr angespannt, weil man sich als Filmemacher immer in eine Auslage stellt und sich beurteilen lassen muss.

Würde es Sie denn reizen, eines Tages Regie zu führen?

Nein! Georges Simenon hat immer gesagt: Jeder Mensch auf der Welt hat eine Geschichte zu erzählen. Aber mein Job ist ein anderer. Mein Leben besteht darin, Filme zu sehen und nicht zu drehen.

Was können die Lumières zeitgenössischen Filmemachern überhaupt noch beibringen?

Die Einfachheit. Das pure Kino. Die Unschuld. Nicht nur für Regisseure, sondern auch für das Publikum. Was ich mit dem Film ausdrücken will, ist: Wir sind umgeben von Bildern, denen wir nicht mehr vertrauen können, weil sie manipuliert werden, speziell in der digitalen Welt. Die Lumière-Filme waren ohne Manipulation, einfach das, was vor der Kamera passierte, unverstellt, echt, authentisch. Ihre Filme sind bis heute wahrhaftig.

Die Lumières waren nicht nur die Erfinder des Kinos, sondern auch ihre ersten Regisseure.

Ja, sie waren Künstler und Regisseure. Das gab es vorher nie. Der Erfinder der Malerei war kein Maler. Steve Jobs war ein Erfinder, aber kein Künstler. Aber dennoch haben sich die Lumières zurückgezogen, weil sie das Feld der Kunst überlassen wollten. Für die Lumières galt Georges Méliès als der Erfinder der Kino-Show, des fiktionalen Erzählens.