Astrid Lindgren (Alba August) fängt als 16-Jährige bei der Lokalzeitung an, weil der Herausgeber Blomberg (Henrik Rafaelsen) an ihr großes Schreibtalent glaubt. Zeitgleich verliebt er sich in Astrid, und sie wird ungewollt schwanger. Sie bringt ihren Sohn in Kopenhagen zur Welt und muss ihn bei einer Pflegemutter zurücklassen, um den Skandal eines unehelichen Kindes zu verbergen. Diese Episode aus dem frühen Leben der berühmten Kinderbuchautorin hat die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen aufgegriffen und in "Astrid" (derzeit im Kino) zum behutsamen Porträt einer rebellischen Frau verdichtet.

"Wiener Zeitung": Wie wird man einer literarischen Ikone wie Astrid Lindgren und ihrem im Grunde rebellischen Naturell gerecht?

Pernille Fischer Christensen: Ich habe sehr viele Jahre über Astrid recherchiert, las alle Interviews, sah mir Filmaufnahmen mit ihr an, sprach mit Leuten, die sie kannten - und las natürlich ihre Bücher. Das ist der beste Ausgangspunkt überhaupt. Astrid Lindgren und ihre rebellische Ader, aber auch ihre Güte, all das findet man in ihren Büchern. Wir wollten aber gar nicht die Ikone porträtieren, sondern den Menschen dahinter, mit dem ich mich als Frau auch identifizieren kann.

Pernille Fischer Christensen.
Pernille Fischer Christensen.

Man kennt Lindgren von Fotos als die ältere Dame, die umringt von ihren beeindruckend vielen Büchern zum Fenster hinausblickt.

Das ist auch das Bild, das ich von ihr hatte: eine Unberührbare, eine Ikone, ein Albert Einstein der Literatur.

Warum haben Sie sich nur auf Lindgrens Jugend konzentriert?

Anfangs dachte ich, ich schaffe es, ihr gesamtes Leben abzubilden, Jugend, Alter, Rückblenden. Aber Film ist auch Drama, es geht nicht nur um Wahrheiten, sondern ich selbst bin auch ein Geschichtenerzähler, genau wie Astrid. Und zu meiner Überraschung kristallisierte sich dann diese Jugendepisode am meisten heraus. Sie sagte mir, wie Astrid Lindgren wurde, was sie ist. Es ist eine Reduktion, ein Substrat, voller Auslassungen. Hier passierten Dinge, die sie für den Rest ihres Lebens beeinflussten.

Wie viel von Lindgrens Persönlichkeit fand sich schließlich in der aufmüpfigen Pippi Langstrumpf wieder? Zeichnete Lindgren gar eine bessere Version ihrer selbst in Pippi?

(lacht) Ja, vielleicht! Ich glaube, sie trug all ihre Figuren in ihr. Sie war Lisa von Bullerbü. Sie war Pippi, und Emil ist auch Teil von ihr. Sie schöpfte stark aus sich selbst.

Inwieweit hat sie die frühe Schwangerschaft beeinflusst?

Darüber kann man viel spekulieren. Sicher ist, dass es in vielen ihrer Bücher Kinder gibt, die alleine sind, die keine Eltern haben. Pippi hat keine Mutter. Es gibt Kinder, die sich einsam fühlen. Ihren eigenen Sohn zurücklassen zu müssen, war ein großes Trauma für sie. Und zugleich war es etwas, das sie als Menschen erst erschaffen hat. Sie gibt einfach nie auf, nicht? Sie tut nie, was andere von ihr erwarten, sie entwickelt einen eigenen Kompass für das, was richtig und was falsch ist.