Was tut man, wenn man der Erfinder und Rechteinhaber von Kino-Ikonen wie Schneewittchen, Dumbo, The Lion King, Susi & Strolchi, Mary Poppins oder dem Dschungelbuch ist? Man wird reich. Sehr reich. Kauft dann mit dem ganzen Geld noch weitere Franchises auf, etwa "Star Wars" oder den ganzen Marvel-Verlag, um dadurch noch reicher zu werden. Und dann? Geht alles wieder von vorne los, denn neue Generationen von Filmkonsumenten wollen diesen Content-Schatz auch für sich heben.

Die Rede ist von Disney und seiner immer stärker werdenden Marktmacht unter den Filmstudios. Neuauflagen berühmter Stoffe sind dort derzeit das Gebot der Stunde, aber der Konzern hieße nicht Disney, wenn es sich dabei bloß um fett dotierte Remakes ohne Esprit handeln würde.

Dasselbe, nur anders

Kein Remake, sondern Fortsetzung will der soeben gestartete "Mary Poppins’ Rückkehr" sein, eine Mischung aus Real- und Animationsfilm. - © Disney
Kein Remake, sondern Fortsetzung will der soeben gestartete "Mary Poppins’ Rückkehr" sein, eine Mischung aus Real- und Animationsfilm. - © Disney

Das Stichwort heißt: Variation. Niemand bei Disney glaubt an den Erfolg von 1:1-Kopien seiner Klassiker. Neue Herangehensweisen sind gefragt, denn Disney soll gerade im digitalen Zeitalter weiterhin als Qualitätsmarke wahrgenommen werden, was wohl auch einer der Gründe für die Ankündigung war, künftig einen eigenen Disney-Streamingdienst namens "Disney+" anzubieten und den eigenen Content damit bei Netflix zurückzuziehen. Das sorgt für eine gewisse elitäre Noblesse - man setzt darauf, den besten Premium-Content der Welt im Programm zu haben. Wer Disney hat, braucht doch kein Netflix.

So weit die Theorie, deren Realisierung man anstrebt. Um dies zu erreichen, fließen also Unsummen in bewährte Filmstoffe, jedoch mit einiger Variation: Es geht nicht mehr um die Frage, wie viel man von den Originalvorlagen übernehmen soll, sondern vielmehr darum, wie viel man weglassen kann. Das stellte das Branchenblatt "Hollywood Reporter" kürzlich fest, als es um die Vorstellung des ersten Trailers von "König der Löwen" ging. Dem neuen "König der Löwen". Der wird als Realverfilmung angepriesen, ist aber eigentlich ausschließlich auf dem Computer animiert. Disneys Konzept dahinter: Die Klassiker aus dem eigenen Schrank digital aufzumöbeln und neu zu verpacken, auf dass Eltern (der Kindheitserinnerungen wegen) mit ihren Kindern (die die Stoffe völlig neu kennenlernen) in Scharen in die Kinos strömen. Schließlich sind viele der heutigen Eltern mit dem "König der Löwen" groß geworden, als dieser 1994 in die Kinos kam - und jetzt ist jeder neugierig, wie sich diese Geschichte heute anfühlt. Disney weiß: Seine Kunden haben Disney im Blut.

Disney arbeitet sich an der eigenen Filmografie schon seit Jahren ab. 2016 kam eine Realversion von "Das Dschungelbuch" in die Kinos, die eine Milliarde Dollar einbrachte. Den originalen Film von 1973 hat das Remake trotzdem nicht beschädigt, denn die Klassiker bleiben unantastbar, auch innerhalb der Disney-Vermarktung. Deshalb sind die Remakes mit vielen neuen Twists versehen, um sie am Ende nicht wirklich vergleichbar mit dem Original zu machen. "Mary Poppins", gerade im Kino angelaufen, will zum Beispiel gar kein Remake sein, sondern die Fortsetzung des Originals von 1964. Bei Autorin Pamela Lynwood Travers fand man noch genug Miniaturen für den neuen Film in ihren Büchern, aus denen man die bekannte Filmfigur auferstehen lassen konnte. Die neue Fassung des Musical-erprobten Rob Marshall ist ein Hybrid aus Real- und Animationsfilm und holt die Fans des Originals punktgenau dort ab, wo sie sich befinden: im Nostalgie-Modus.