• vom 30.12.2018, 07:30 Uhr

Film


Die Welt 2050

Als das Buch brannte




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Von Bernhard Baumgartner und Matthias Greuling

  • Die Zukunft war früher auch schon einmal besser: 2050 als Dystopie.



Es war eine finstere Dystopie, die Ray Bradbury 1953 zwischen die beiden Buchdeckel seines Romans "Fahrenheit 451" klemmte. Die Handlung spielt 2050 in einem Staat, in dem als schwerer Verbrecher gilt, wer Bücher besitzt. Die Feuerwehr ist für die Büchervernichtung zuständig, aber der Feuerwehrmann Montag bewahrt illegal etliche Bücher bei sich zu Hause auf, anstatt sie zu vernichten. Zuerst steht er dem politischen System scheinbar kritiklos gegenüber, aber bald schon regen sich in ihm Zweifel - auch, weil um ihn herum schreckliche Dinge passieren und die Literatur das freie Denken bei ihm anregt.

Großartig verfilmt wurde diese Geschichte bereits 1966 von François Truffaut, mit Oskar Werner als Montag. Doch der Stoff inspirierte auch andere Filmemacher: "Equilibrium" (2002) basiert großteils auf "Fahrenheit 451", in "The Book of Eli" (2010) gibt es etliche Parallelen, und erst heuer wurde "Fahrenheit 451" fürs US-Fernsehen verfilmt.


Tatsächlich behandelte Bradbury in seinem Roman eine dystopische Vorstellung in einer an sich fernen Zukunft, obwohl es dafür kaum viel Fantasie gebraucht haben mag: Schließlich klafften die Wunden des Dritten Reiches gerade acht Jahre nach Kriegsende noch immer ordentlich auseinander; und die noch frisch in Erinnerung liegenden Bücherverbrennungen der 1930er Jahre waren auch keine Erfindung der Nazis, sondern gehen bis ins 14. Jahrhundert zurück, auf den Höhepunkt der von der römisch-katholischen Kirche betriebenen Inquisition.

"To boldly go . . ."



Gerade weil "Fahrenheit 451" befeuert war von tatsächlich realen Bedrohungen, die die Menschheit eben erst miterleben musste, haftet dem Buch eine unbehaglich mahnende, dystopische Zukunftsahnung an. Nicht immer waren die Zukunftsfantasien in Literatur und Film so düster gewesen. Vor allem frühe Science-Fiction-Filme konnten der Zukunft durchwegs positive Trends abgewinnen, darunter auch Visionen von Friede, Freude, Eierkuchen: 1966, also im selben Jahr wie Truffauts "Fahrenheit 451", lief etwa "Star Trek" erstmals im US-Fernsehen.

Es ist wohl das Role Model aller Utopien: Die Menschheit hat nach einem desaströsen Dritten Weltkrieg Zwietracht und Kampf genauso überwunden wie den Kapitalismus. Das Geld ist abgeschafft, es herrscht Friede auf Erden, und nur der Durst nach Wissen treibt die Menschheit dorthin, "wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist". Umso erstaunlicher ist, dass gerade der im Jahr 2017 entstandene bisher letzte Teil der Reihe, "Star Trek: Discovery", sich dieses utopischen Ballasts praktisch völlig entledigte: Düstere Szenerien, blutiger Krieg mit den Klingonen, und eine finstere Macht geht über Leichen für die Erfüllung der eigenen, kleinlichen Bedürfnisse.

Es ist kein Wunder, dass die Fans die Ideale der Serie, die von Netflix übernommen wurde, ein Stück weit verraten sahen. Das war nun wirklich nicht mehr ihr "Star Trek"! Sicher, eine gute Serie, aber man könnte sich nicht weiter von der Utopie entfernen.

Aber das liegt ein Stück weit im Trend: Die Zombie-Apokalypsen boomen seit Jahren im Fernsehen, und Stoffe wie "Blackout" (2012) machen uns bewusst, dass ein totaler Stromausfall diese Gesellschaft binnen weniger Tage zurück ins Mittelalter katapultieren könnte. Und das sind nur die Dinge, die sich unsere Kreativen vorstellen können. Was wartet noch alles da draußen, das sich niemand vorstellen kann?




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-12-28 12:56:27
Letzte Änderung am 2018-12-28 17:35:24



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