"Alle Kunst ist autobiografisch", sagte Federico Fellini (1920-1993) einmal. "Die Perle ist die Autobiografie der Auster." Um Sprachbilder wie diese war der italienische Regisseur nie verlegen, und auch nie um eine möglichst phantastisch bebilderte Ausgestaltung seiner Filme, die vor Bildgewalt nur so strotzten. Eine Bildgewalt, die stark aus Fellinis eigenem Blick auf die Welt resultierte, eine Mischung aus Groteske und Übertreibung, aus Popularkultur und Bombast, wie ihn nur die Italiener können. Seine Filme sind felliniesk. Kaum jemand ist es je gelungen, zur Beschreibung von Filmkunst den eigenen Namen als Wortkreation zu etablieren.

Stiller Chronist Olmi

Man könnte meinen, dass Fellinis Kumpane bei der aktuellen Retrospektive des Österreichischen Filmmuseums ein Gegenentwurf zur lautmalerischen, weltbekannten Kunst Fellinis ist, so bescheiden nimmt sich dagegen das Werk von Ermanno Olmi (1931-2018) aus. Doch bei genauerer Betrachtung haben beide Künstler mehr gemein als angenommen. Olmi für seinen Teil heimste mindestens ebenso gewichtige Filmpreise ein wie Fellini. Zu Beginn seiner Karriere drehte er "Il posto" und "I fidanzati", zwei Filme, die wegweisend für das italienische Kino der 1960er Jahre gewesen sind. 1978 gewann er in Cannes mit "L’albero degli zoccoli" die Goldene Palme und 1988 mit der Joseph-Roth-Verfilmung "La leggenda del santo bevitore" den Goldenen Löwen in Venedig.

Olmi arbeitete in seinen Filmen als stiller Chronist von bescheidenen Menschen, dem entgegen stehen Fellinis opulente Werke, die üppig und ganz unbescheiden wirkten, aber als aufsehenerregende, fast marktschreierische Produktionen weltweite Strahlkraft besaßen - allen voran das leuchtende "La strada" (1954) und das noch schillerndere "La dolce vita" (1960), zwei Filme, die Italiens Kino neu definierten. Sie markierten die Abkehr vom italienischen Neorealismus, der ab den 1940er Jahren dominierte. Fellini entwickelte sich in der Folge zu einem Erzähler, der keine Grenzen kannte, der Mythologie, Satire und Farce mühelos zu vermischen imstande war. Von "Satyricon" (1969) bis "Roma" (1972), vom Abgesang auf "Casanova" (1976) bis zur Aufarbeitung von Jugenderinnerungen in "Amarcord" (1973) und dem verspielten Selbstporträt "Intervista" (1987) - jemandem wie Fellini war alles erlaubt und nichts bombastisch genug.

Olmi hingegen erarbeitete sich sein Kino subtiler, leiser: Er drehte Kurzdokus und ließ diese dokumentarischen Wurzeln bald auch in seinen Spielfilmen spürbar werden. Auf diese Weise entledigte er sich der etablierten Erzählmechanismen des Neo-Realismus und erfand die Form sozusagen neu, ohne Vorurteile, ohne falsche Emotion.

Persönliche Zugänge

Die Retrospektive im Filmmuseum will die Parallelen und die Diskrepanzen zwischen den Arbeiten dieser beiden großen Regisseure herausarbeiten, und dabei spielt die autobiografische Herangehensweise eine zentrale Rolle: Sowohl Fellini als auch Olmi waren überzeugt vom zutiefst persönlichen Zugang zur eigenen Arbeit: Bei Fellini zeigt sich besonders in "8 1/2" (1963), zu welcher Selbstaufarbeitung innerer Zustände er imstande war, als er Marcello Mastroianni in Gestalt eines Filmregisseurs vor die Kamera stellte. Bei Olmi sind es nach eigenen Angaben die Figuren selbst, die er mit seinen Erfahrungen füllte, ob es nun der Bub in "Il posto" oder der Arbeiter in "I fidanzati" war. "Das Tolle war, dass meine Erzählungen nicht nur die meinigen waren, sondern so viele Geschichten anderer, einfacher Leute reflektierten. Ich fühlte mich keineswegs exklusiv", sagte Olmi. "Ich stamme aus der Arbeiterklasse, und da sieht man gemeinsam mit anderen auf die Welt, niemals allein von einem erhöhten Standpunkt aus." Es ist dies wohl der augenfälligste Unterschied zwischen Olmi und Fellini. Die unterschiedlichen Standpunkte. Kraftvoll sind sie beide.