Nadine Labaki zeigt die Armut ihrer Heimat. - © Katharina Sartena
Nadine Labaki zeigt die Armut ihrer Heimat. - © Katharina Sartena

Als "Capernaum - Stadt der Hoffnung" (ab Freitag in den Kinos) der libanesischen Regisseurin Nadine Labaki das erste Mal im Mai 2018 beim Filmfestival von Cannes gelaufen ist, war klar: Hier wurde ein großer Film vom Stapel gelassen. Im offiziellen Screening gab es fast zehn Minuten stehende Ovationen, auch beim Pressescreening war der Jubel groß. Was hat Labaki da vollbracht?

Sie erzählt in ihrem Film von perspektivenlosen Kindern im Libanon, die von ihren Eltern verkauft und versklavt werden, damit die Familien über die Runden kommen. Die 12-jährige Schwester des 13-jährigen Zain (Zain al Rafeea) wird an den Vermieter der Wohnung verkauft, damit die kinderreiche Familie weiter dort leben kann; Zain selbst hilft, sich und seine Geschwister durchzubringen. Jeder Tag ist mit Essensbeschaffung und dem Eindämmen des Wohnchaos verplant, menschenwürdig ist das nicht. Hier wachsen Kinder ohne Zukunft auf. Aber es geht noch schlimmer, wie Zain im Verlauf des Films herausfinden wird.

Ein Leben im Slum: Zain (rechts, Zain al Rafeea) und ein Baby, gestrandet im Chaos von Beirut. - © Thimfilm
Ein Leben im Slum: Zain (rechts, Zain al Rafeea) und ein Baby, gestrandet im Chaos von Beirut. - © Thimfilm

Die Eltern vor Gericht bringen und klagen

Eingebettet ist die Geschichte in eine geradezu unfassbare Rahmenhandlung: Zain steht vor Gericht und klagt seine Eltern, weil sie ihn auf die Welt gebracht haben, obwohl sie sich nicht um ihn kümmern können. Der Richter bekommt von Zain eine entsprechend aufwühlende Geschichte erzählt. Zain ist von zuhause weggelaufen, fand Unterschlupf bei einer jungen Frau aus Äthiopien und landete schließlich mit deren Baby auf der Straße in den Slums von Beirut. Ohne Essen, ohne Geld und ohne Obhut.

"Capernaum", ist eine Beschreibung biblischen Ursprungs, die sich vor allem im Arabischen und Französischen als Bild für einen Ort voller Chaos und Unordnung etabliert hat. "Der Titel hat sich ergeben, ohne dass mir das wirklich bewusst war", sagt Regisseurin Labaki. "Als ich angefangen habe, über den Film nachzudenken, hat mein Ehemann Khaled vorgeschlagen, dass ich all die Themen, die ich ansprechen will, all die Obsessionen, die mich zu der Zeit beschäftigten, auf eine Tafel in der Mitte unseres Wohnzimmers schreibe. So verfahre ich meist mit den Ideen, die ich entwickeln will. Beim Blick auf die Tafel einige Zeit später sagte ich zu Khaled: In Wahrheit ergeben all diese Themen ein ‚Capernaum‘. Das ist der Film: ein echtes Chaos".

Um Ordnung in das Planungschaos vor dem Film zu bringen, sortierte Labaki die Ideen auf der Tafel. Da standen etwa Begriffe wie illegale Einwanderer, misshandelte Kinder und die Bedeutung von Grenzen und ihre Absurdität. "Auch der Umstand, dass wir ein Stück Papier brauchen, um unsere Existenz zu beweisen, Rassismus, die Furcht vor dem anderen, Gleichgültigkeit gegenüber den Rechten von Kindern. Die Liste war endlos", so Labaki.