• vom 17.01.2019, 17:34 Uhr

Film

Update: 17.01.2019, 17:54 Uhr

Kino-Comeback

Der Twist in einer toten Karriere




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Von Susanne Gottlieb

  • Trotz früher Erfolge war US-Regisseur M. Night Shyamalan nach einer Reihe von Flops lange als Filmemacher verschrien. Erst mit der "Easttrail 117"-Trilogie und der Rückkehr zu seinen Horror-Wurzeln konnte er ein Karriere-Aus vermeiden.

Hat das Karrieretief hinter sich: Regisseur M. Night Shyamalan. - © Jessica Kourkounis/Everett Collection/picturedesk.com

Hat das Karrieretief hinter sich: Regisseur M. Night Shyamalan. © Jessica Kourkounis/Everett Collection/picturedesk.com

Er hätte der nächste Steven Spielberg werden können. Ein Wunderkind im Regiesessel. So klangen die Stimmen rund um die Jahrtausendwende, wenn es um den indischstämmigen US-Regisseur M. Night Shyamalan ging. Der Filmemacher, der seine Karriere in jungen Jahren mit einer Super-8-Kamera gestartet hatte und einen Abschluss der renommierten New York University Tisch School of the Arts besitzt, hatte sich einen Namen mit seinem Hang zu übernatürlichen Handlungen und überraschenden Twists gemacht. Für "The Sixth Sense" wurde er bei der Oscar-Verleihung im Jahr 2000 gleich mit sechs Nominierungen bedacht. Darunter Bester Film, Bester Regisseur und Bestes Original-Drehbuch.

Danach folgte die ebenso positiv aufgenommene Arbeit "Unbreakable" (2000), ein Mystery-Thriller, der in einen Superhelden-Origin umschlägt, der Alien-Invasion-Film "Signs" (2002) und das bereits deutlich schwächere "The Village" (2004). Shyamalan war auf dem Hollywood-Olymp angekommen, traf sich zu Gesprächen mit seinem Jugendidol Steven Spielberg über ein mögliches "Indiana Jones"-Skript und wurde in Verbindung mit der in den frühen Nullerjahren anlaufenden "Harry Potter"-Filmreihe gebracht.

Gescheitert am eigenen Format

Doch der Erfolg als Kritiker-Darling sollte nicht halten. Nach "The Village", das die Rezensionen bereits für den enttäuschenden Twist gescholten hatten, folgte eine Periode, die Shyamalan fast vors Karriere-Aus gestellt hätte. Kritiker tadelten "Lady in the Water" (2006) als prätentiös und lächerlich, Shyamalan erhielt seine ersten zwei Razzies, den Anti-Oscar. Dem folgte das noch schlimmer verrissene "The Happening" (2008).

Den Tiefpunkt seiner Karriere erreichte Shyamalan mit "The Last Airbender" (2010), für den er fünf Razzies gewann, und "After Earth" (2013), ein Geistesprodukt von Schauspieler Will Smiths, um seinen Sohn Jaden zum Star zu machen. Ab diesem Zeitpunkt war Shyamalan ein rotes Tuch bei Verleihern.

Doch wie hatte es so weit kommen können? Der Mann, der Genres wie Geistergeschichten, Superhelden und Alien-Invasionen einen neuen Spin gegeben hatte, schien sich an seiner eigenen Formel abgenützt zu haben. Die Twists wurden zu einem Running Gag unter Kinogehern und stießen auf wenig Gegenliebe bei den Kritikern. Michael Agger etwa schrieb 2004 im US-Online-Magazin "Slate", dass sich ein Shyamalan-Film wie eine abgelehnte "Twilight Zone"-Folge anfühlen würde.

Zugleich bewiesen Filme wie "The Last Airbender" und "After Earth", dass Shyamalan sich schwertat mit Big-Budget-Filmen, die nicht seinem "Akzent" entsprachen. Der Regisseur beschrieb diese Zeit später in einem Interview mit dem US-Magazin "Vulture" als eine Phase, in der es weniger darum ging, was für Filme er machen wollte, sondern um Ideen, die an ihn herangetragen wurden. "Ich hatte aufgehört, Dinge zu tun, die es mir erlaubten, einen inneren Frieden zu fühlen", erinnerte er sich. "Ich habe nicht die richtigen Entscheidungen getroffen."

Die richtige Entscheidung: Rückkehr zum Low Budget

Die richtige Entscheidung traf er zwei Jahre später, als er zu seinen Wurzeln zurückkehrte: Low-Budget-Horror. Shyamalan drehte für fünf Millionen Dollar, die er aus eigener Tasche finanzierte, "The Visit" (2015), einen Found-Footage-Spielfilm (einen Streifen, der auf scheinbar gefundenen Dokumentaraufnahmen basiert). Das Werk, an dem zunächst kein Verleiher interessiert war, entpuppte sich als Kritikerfolg und spielte weltweit fast 100 Millionen Dollar ein. Ein niedriges Budget sieht Shyamalan heute als den Schlüssel zum Erfolg. "Es erlaubt mir zu machen, was immer ich will," erklärte er "Vulture". Ungleich einem Studio-Film könne er einfach seinen Instinkten folgen.

War "The Visit" der Umschwung, kehrte er mit "Split" (2016) endgültig zu alter Form zurück: Der Horror-Thriller spielte bei einem Budget von eigens finanzierten 10 Millionen Dollar weltweit fast 300 Millionen Dollar ein. Neben der vielfach gelobten Darstellung von James McAvoy war es vor allem das scheinbar abgenützte Mittel des Twists, das das Publikum wieder begeistern konnte. Wie sich herausstellte, war "Split" im selben Superhelden-Universum wie "Unbreakable" angesiedelt. Kritiker sprachen von einer "Shyamalanaissance" und die Hollywood-Maschinerie kam in die Gänge, da sich ein Sequel realisieren ließ.



Die "Easttrail 177"-Trilogie, wie die Filmreihe offiziell getauft wurde, findet ab dieser Woche ihren
Abschluss in "Glass", in dem die Figuren von James McAvoy, Bruce Willis und Samuel L. Jackson erstmals zusammengeführt werden. Die US-Kritiken waren jedoch wieder gespalten. Viele stießen sich am Ende oder am Wiederaufgreifen alter Ideen. Ob Shyamalans Comeback damit schon wieder zu Ende ist, wird sich zeigen. Fakt ist, dass sich seit "Unbreakable" viel getan hat. Im Jahr 2000 kam ebenfalls der erste "X-Men" heraus, die Geburtsstunde des modernen Superhelden-Films. Das Genre hat sich seither immer wieder neu erfunden.

Vielleicht ist Shyamalan einfach zu spät dran mit seiner Idee. Sind einige Menschen besonders? Diese Frage war der Aufhänger für "Glass". Der Zugang ist jedoch nicht mehr neu und wurde schon von anderen Superhelden-Filmen und -Serien aufgegriffen. Aber das macht nichts. Shyamalan hat bereits eine Fortsetzung zu "Glass" ausgeschlossen, die potenziellen Sequel-Rechte als Hauptfinanzier liegen exklusiv bei ihm. Ein weiterer vorteilhafter Aspekt der gegenwärtigen Shyamalanaissance.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-17 17:47:47
Letzte Änderung am 2019-01-17 17:54:21



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