• vom 18.01.2019, 16:40 Uhr

Film

Update: 19.01.2019, 11:11 Uhr

Interview

"Wir sind alle noch ziemlich barbarisch"




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Von Matthias Greuling

  • Nigerianische Frauen auf Wiens Straßenstrich - davon handelt Sudabeh Mortezais Spielfilm "Joy".



Tragische Spielfilm-Bilder: Frauen aus Nigeria arbeiten am Wiener Straßenstrich, um ihre Familien daheim zu unterstützen.

Tragische Spielfilm-Bilder: Frauen aus Nigeria arbeiten am Wiener Straßenstrich, um ihre Familien daheim zu unterstützen.© Filmladen Tragische Spielfilm-Bilder: Frauen aus Nigeria arbeiten am Wiener Straßenstrich, um ihre Familien daheim zu unterstützen.© Filmladen

Wenn Sudabeh Mortezai über soziale Ränder erzählt, dann sind es meist die Ärmsten der Armen und auch die Perspektivlosen, die sie ins Zentrum rückt; besonders ist daran, dass Mortezai diese Menschen inmitten prosperierender Gesellschaften vorfindet, in denen sie ein Schattendasein fristen. So war das in ihrem Spielfilmdebüt "Macondo" über die gleichnamige Flüchtlingssiedlung in Simmering, und so ist es in "Joy" (derzeit im Kino), der von jungen nigerianischen Frauen erzählt, die in Wien am Straßenstrich anschaffen. Man hat ihnen ein Leben im Westen versprochen, doch aus den Fängen der Prostitution entkommen sie nicht mehr: Das meiste Geld, das sie noch für ihre Reise nach Österreich schuldig sind, liefern sie ihren Zuhälterinnen, den sogenannten "Madames" ab, der Rest geht nach Nigeria, wo ganze Familien davon leben.

Obwohl Mortezai einen Spielfilm gedreht hat, basiert ihre Geschichte auf der brutalen Realität einer Szene, die man bei Tageslicht kaum zu Gesicht bekommt.

"Wiener Zeitung":Frau Mortezai, wie realistisch ist Ihre Geschichte über nigerianische Prostituierte am Wiener Straßenstrich eigentlich?

Sudabeh Mortezai: Diese Szene hat etwas Surreales, aber sie ist in Wahrheit superrealistisch. Ich habe dafür wirklich aufwendig recherchiert, viele Frauen kennengelernt, die mir diese Dinge erzählt haben. Darunter waren etliche Aussteigerinnen, aber auch solche, die noch dabei waren - die sind besonders schwer davon zu überzeugen, dass sie etwas erzählen.

Sudabeh Mortezai 1968 geboren, studierte die österreichische Filmemacherin mit iranischen Wurzeln erst in Wien, später in Los Angeles. 2014 legte sie mit "Macondo" ihren ersten abendfüllenden Spielfilm vor.

Sudabeh Mortezai 1968 geboren, studierte die österreichische Filmemacherin mit iranischen Wurzeln erst in Wien, später in Los Angeles. 2014 legte sie mit "Macondo" ihren ersten abendfüllenden Spielfilm vor.© Sartena Sudabeh Mortezai 1968 geboren, studierte die österreichische Filmemacherin mit iranischen Wurzeln erst in Wien, später in Los Angeles. 2014 legte sie mit "Macondo" ihren ersten abendfüllenden Spielfilm vor.© Sartena

Wie kommt man an diese Frauen heran?

Ich habe meinen Bruder gebeten, als Freier getarnt ins Rotlichtmilieu zu gehen und Frauen anzusprechen. Er hat sie teilweise auch bezahlt, um mit ihnen reden zu können. Er hat den Frauen von der Idee zum Film erzählt. Das waren die Anfänge. Und die schwierigsten Recherchen, bei denen wir oft versetzt wurden.

Stammen alle Frauen im Film vom Straßenstrich?

Die Frauen im Film sind alle das erste Mal vor einer Kamera, aber ich will nicht verraten, ob und wie stark der Bezug zur Rolle gegeben ist. Deshalb ist es auch ein Spielfilm.

Für viele Nigerianer ist es ein Wirtschaftsfaktor, dass ihre Frauen in Europa anschaffen gehen.

Das ist leider so, ja. Das betrifft nicht ganz Nigeria, nur eine bestimmte Region im Südosten. Wenn die Frauen aus Europa das Geld nach Hause schicken, selbst wenn es dabei um kleine Beträge geht, bedeutet das für die Familien daheim einen wahren Segen. 60 Euro beträgt etwa der Monatslohn eines Lehrers in Nigeria.

Also ein Betrag, den die Frauen in Wien in einer Stunde verdienen?




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-18 16:53:34
Letzte Änderung am 2019-01-19 11:11:04



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