Für diese nigerianischen Familien sind die Frauen plötzlich die wertvollsten Nachkommen, ganz im Gegensatz zur althergebrachten Meinung, männliche Nachkommen seien "mehr wert".

Auf jeden Fall. Aber man muss auch die Verhältnisse kennen: Wenn du einmal dort warst und das Elend gesehen hast, dann verstehst du auch, dass sie es machen. Wir leben in unserer privilegierten Situation in Europa und erlauben uns moralische Urteile über diese Leute. Ich glaube nicht, dass wir anders handeln würden, wenn wir in deren Situation hineingeboren worden wären.

Was interessiert Sie an den gesellschaftlichen Rändern so sehr?

Ich habe mich immer für Außenseiter interessiert. Vielleicht auch, weil ich mich oft wie einer gefühlt habe. Durch meinen persischen Migrationshintergrund und das Aufwachsen in Wien, konfrontiert mit sehr viel Rassismus, sah ich mich oft als Außenseiter. Ich habe den Rechtsruck aus der Perspektive eines Menschen erlebt, der anders aussieht. Der Rassismus in den 80ern war viel primitiver und direkter als der heute. Man hat damals ganz locker "Neger" gesagt. Dann wurde das tabuisiert, und jetzt hat man den Eindruck, es ist eine Stimmung des "Juhu, wir dürfen wieder" eingekehrt. Dennoch ist Wien dazwischen viel internationaler und offener geworden.

Und dann kamen die Flüchtlinge. Und die Sozialen Medien, in denen Rassismus heute längst wieder salonfähig zu sein scheint.

Ich will die Sozialen Medien nicht verteufeln, aber sie treiben die Fragmentierung der Gesellschaft in unfassbarem Tempo voran. Wo jeder in der eigenen Nische sein Süppchen kocht und auf die anderen schimpft. Früher hat man seine Positionen ausgetauscht und zumindest diskutiert, aber das macht bei Social Media keiner mehr, weder bei den Linken noch Rechten. Ich glaube, dass das der schlimme Nebeneffekt dieser Medienform ist. Daran sieht man auch, dass die Schutzschicht der Gesellschaft dünn ist. Darunter sind wir alle noch ziemlich barbarisch. Sonst würden wir uns nicht so benehmen.