Die Hand, die zwischen den Fingern ein Bündel Geldscheine hält, eine Geste, um Menschen zu schmieren oder sie mit Geschenken zu umgarnen. Ein Parteiabzeichen am Revers, fein säuberlich und nur zu den richtigen Anlässen angesteckt. Ein eleganter Anzug, Hut, Zigarren, teurer Champagner, viele Frauen, ein Sekretärinnen-Casting, bei dem der Arbeitgeber verliebt in den Gesichtern der Bewerberinnen versinkt. Eine Liste, die über 1000 Juden vor dem Tod in der Gaskammer rettet, weil darauf ihre Namen als Arbeiter der Deutschen Emaillewarenfabrik vermerkt sind. Die Asche verbrannter Leichen, die in Plaszow vom Himmel regnet, als wäre es Schnee. Ein Kopfschuss, dann noch einer, dann unzählige. Ein scharfschießender Lagerleiter, der willkürlich tötet. Soldaten, die Kinder lächelnd über den Kopf streicheln, während sie sie zur Gaskammer geleiten. Die brutale Räumung des Warschauer Ghettos, Gewehrsalven überall, Verstecke unter Dielen, in Schränken, aufgespürte, davongelaufene Juden, an Ort und Stelle massakriert. Ein jüdischer Buchhalter, der sich am Kopf kratzt, damit alle glauben, er habe Läuse, und sie ihn in Ruhe lassen. Ein profitgieriger Industrieller, dessen Läuterung ihn vom Geschäftsmann zum Menschenfreund macht. Und ein Mädchen im roten Mantel, das durch das schwarzweiße Ghetto-Chaos zu entkommen sucht und sich versteckt. Wir sehen es später wieder, herausstechend aus einem Berg von Leichen.

All das ist "Schindlers Liste", Steven Spielbergs vor 25 Jahren erschienener Holocaust-Film, der dieses Genre völlig neu definierte. Der Film kommt nun in einer digital restaurierten Fassung erneut ins Kino, und zwar auf Spielbergs Betreiben, weil "die Zeiten danach verlangen", so der Regisseur.

Filmemacher verblassen

Wahre Genies im Kino erkennt man an der Art, wie sie mit komplexen und komplizierten Themen verfahren; als Spielberg "Schindlers Liste" drehte, da war - auch durch etliche Gedenkjahre 50 Jahre nach dem Krieg - scheinbar schon alles aufgearbeitet; "Schindlers Liste" war nicht der erste Holocaust-Film, es gab schon zahllose davon, nicht nur Claude Lanzmanns dokumentarischen Film "Shoah", der die Unmöglichkeit der Darstellung des Holocaust propagierte. Spielberg kam spät mit diesem Thema, doch bald schon und bis heute zeigt sich, wie sehr er dieses Genre geprägt hatte. Es war (und ist), als hätte es vor und nach "Schindlers Liste" kaum mehr einen relevanten Holocaust-Film gegeben - auch die Versuche großer Filmemacher, ihr eigenes "Schindlers Liste" zu drehen, etwa Polanskis "Der Pianist" (2003) oder Benignis "Das Leben ist schön" (1997), verblassen angesichts der Kraft, die Spielberg entfachen konnte. Einzig "Son of Saul" (2015) des Ungarn Laszlo Nemes hat eine ähnliche Kraft, wenngleich der Film aufgrund seiner Machart, die völlig konträr (aber nicht weniger wirksam) zu "Schindlers Liste" ist, nicht einmal im Ansatz mit Spielbergs Film vergleichbar ist. Sie stammen aus unterschiedlichen Welten.