Spielbergs Welt ist Hollywood: 1993 war auch das Jahr, in dem Spielberg einen zweiten Meilenstein herausbrachte. "Jurassic Park" revolutionierte (oder besser: gebar) das CGI-Kino, und für Spielberg wurde die parallele Arbeit an den beiden Projekten zum Horrortrip: Während er tagsüber in den Kulissen des Konzentrationslagers Auschwitz die Massenvernichtung der Juden filmte, musste er abends den Filmschnitt von "Jurassic Park" überwachen. "Das war schrecklich und fühlte sich wie ein Peitschenhieb an", sagte Spielberg 2013 in einem Interview mit der "Wiener Zeitung". "Ich brauchte jeden Abend eine Stunde, um mich zu beruhigen, um nicht zornig auf diese unschuldigen Mitarbeiter zu werden, die die Dinosaurier entwarfen und die auf mein Feedback und die Abnahme warteten. Zum ersten Mal in meinem Leben geriet ich in einen Zwiespalt. Ich musste mich um Dinosaurier kümmern, die mir plötzlich nichts mehr bedeuteten, während mir die Geschichte von ‚Schindlers Liste‘ plötzlich alles in meinem Leben bedeutete. Ich musste beides unter einen Hut bekommen, es war das härteste Jahr meiner Karriere." Spielbergs Freund Robin Williams hatte damals täglich mit ihm telefoniert, um ihm 15 Minuten lang Witze zu erzählen. Zum Runterkommen.

Die Schoah greifbar gemacht

Spielberg hatte Thomas Keneallys Buchvorlage zu "Schindlers Liste" schon seit der Fertigstellung von "E.T." (1982) auf dem Schreibtisch liegen. Keneally schrieb dort die Geschichte des Deutschen Oskar Schindler nieder, die der Überlebende "Schindlerjude" Leopold Page nicht müde wurde, in seinem Koffergeschäft in Los Angeles zu erzählen. Keneallys Buch und seine Übersetzung ins Filmische durch Spielberg und Drehbuchautor Steven Zaillian haben dabei Meilensteine in der Holocaust-Rezeption geschaffen: Sie brachten mit Einzelschicksalen den Holocaust auf eine begreifbare Dimension und brachen damit den Grundsatz, der vielen als unbrechbar galt: Den Holocaust konkret zu machen, ihn auch in Details darzustellen, die bislang kaum zu sehen waren - und vor allem: Den Holocaust im Rahmen einer unterhaltsamen Erzählung darzubringen und ihm so die grässliche Distanz zu nehmen, die die Menschen zu ihm pflegten.
Ja, es gab Aufschreie und Kritik, aber die Zeit hat gezeigt, dass Spielberg und Keneally richtig lagen mit ihrer gewagten Strategie: Spielberg erzählt Schindlers Geschichte und auch die "seiner Juden" als eine Abfolge von dramaturgisch ausgetüftelten Szenen, gepaart mit messerscharfer Figurenzeichnung, die so ausgefeilt war, dass man zunächst gar nicht daran dachte, hier einen Hollywood-Film zu sehen. Doch genau das ist "Schindlers Liste": Eine von A bis Z durchkomponierte Geschichte, die in der langen, farbigen Sequenz am Schluss sogar eine Art Happy End parat hält: Dann nämlich, wenn die noch lebenden Schindlerjuden zusammen mit den Darstellern ihrer Rollen Steine auf das Grab Oskar Schindlers niederlegen, in der Dankbarkeit für ihr Leben, getreu dem Satz aus dem Talmud: "Rette nur ein Leben und du rettest die ganze Welt."

Trumpf im Ärmel

Das saß. "Schindlers Liste" rührte das Publikum zu Tränen, trotz einer Überlänge von drei Stunden, trotz schwarzweißer Fotografie. Spielberg strafte alle Marketing-Experten Lügen, die schon damals geglaubt hatten, das würde im Kino nicht funktionieren. Und das Mädchen im roten Mantel war Spielbergs (gar nicht allzu kreativer) Trumpf im Ärmel: Mit dieser Szene gelang es ihm, dem Massenmord ein emotionales Gesicht zu geben, die Leichenberge zu personalisieren, und wenn schon nicht begreifbar, dann zumindest vorstellbar zu machen. Es ist dramaturgisch die simpelste Hollywood-Waffe, die es gibt: Ein Set-up/Pay-off, bei dem eine zunächst scheinbar unsinnige Begebenheit in einem Film bei ihrem späteren Wiederauftauchen für den größtmöglichen Aha-Effekt beim Publikum sorgt. Lernt man in der Filmschule im ersten Semester, also zumindest in den USA.