Der Grieche Yorgos Lanthimos ist einer der Star-Regisseure im europäischen Arthaus-Betrieb, denen die Ideen scheinbar niemals ausgehen. Schon als er noch Filme in seiner Muttersprache drehte, waren diese von einer Fülle an Einfällen geprägt, die sich vor allem auf experimenteller Ebene befanden: Skurrile Situationen, das Absurde des Alltags faszinieren den Filmemacher, der schon mit seinem Debüt "Dogtooth" (2009) eine Oscar-Nominierung erhielt. Das Drama "Alpis" (2011), sein sperrigster, zugleich sein faszinierendster Film über Menschen, die Trauerbewältigung anbieten, indem sie bei den Trauernden den Platz der Verstorbenen einnehmen, zeigt eine große Reife in Hinblick auf filmischen Minimalismus.

Skurriler Königshof

Doch Lanthimos will mehr: Seit "The Lobster" (2015) arbeitet er nur noch international und mit großen Stars: Colin Farrell und Rachel Weisz machten das Drama durch, bei dem es darum ging, dass sich paarungswillige Menschen binnen 45 Tage einen Partner suchen müssen, sonst werden sie in ein Tier verwandelt. Skurril und ganz im Lanthimos-Modus. Zu dem Rache-Drama "The Killing of a Sacred Deer" (2017) ließ sich Lanthimos von der griechischen Mythologie inspirieren und driftet dabei ins Surreale, ohne den Bezug zur Realität zu verlieren.

Jetzt legt Lanthimos mit "The Favourite" seine dritte internationale Produktion vor, und zugleich seinen ersten Kostümfilm. Es könnte sein bislang größer Triumph werden: Gerade erst wurde "The Favourite" für zehn Oscars nominiert, darunter auch jene für die besten Darstellerinnen, die beste Regie und den besten Film. Nur Alfonso Cuarons "Roma" hat ebenso viele Nominierungen.

Lanthimos schildert die Zustände am britischen Königshof des frühen 18. Jahrhunderts, wo Neid und Missgunst regierten. Die gebrechliche Königin Anne (Olivia Colman) hat das Regieren an ihre Vertraute und Geliebte Sarah Churchill (Rachel Weisz) abgegeben, und als deren jüngere Cousine, Herzogin Abigail (Emma Stone) am Hof ankommt, beginnt ein Führungskampf: Abigail schließt Freundschaft mit der Königin, denn Sarah hat des Krieges wegen nur noch wenig Zeit für Anne. Es kommt zum Eklat.

"Die Geschichte von drei mächtigen Frauen mit komplizierten Persönlichkeiten und Beziehungen untereinander, die in jener Zeit nicht nur das Schicksal eines ganzen Landes, sondern auch eines Krieges in den Händen hielten, hat mich fasziniert", sagt Lanthimos, der für "The Favourite" erstmals nicht mit Efthymis Filippou zusammenarbeitete, mit dem er alle bisherigen Filme schrieb. Die Vorlage stammt diesmal von Deborah Davis, doch Lanthimos machte sich das Werk zu eigen: "Wir strukturierten die Geschichte um und konzentrierten uns zum Beispiel noch mehr auf die drei Protagonistinnen. Doch ich spürte auch, dass es noch eine weitere, eine andere Stimme brauchen würde, um das meiste aus diesem Stoff herauszuholen." Der Australier Tony McNamara kam zum Zug. "Wir schrieben das komplette Drehbuch um, meistens kommunizierten wir dabei über Skype oder E-Mail. Letztlich dauerte es sieben oder acht Jahre, bis ich dann mit dem Dreh begann."

Nur keine Schubladen!

Die aufwendige Vorbereitung schlägt sich in geschliffenen Dialogen mit jeder Menge Witz nieder, die "The Favourite" zwischen Drama und Komödie pendeln lassen. Immerhin war der Film bei den Golden Globes in der Komödienkategorie nominiert. "Ob man den Film nun als Komödie beschreiben möchte oder als Drama, überlasse ich anderen. Ich selbst halte nichts von solchen Regeln und Schubladen", so Lanthimos, der damit auch seinem Credo treu geblieben ist, das Skurrile im Normalen zu suchen. Und das ist eben manchmal auch unfreiwillig komisch. "Es war zu Zeiten von Königin Anne so, dass die Frauen vergleichsweise schlicht gekleidet und frisiert waren, während die Männer High Heels, Perücken und Make-up trugen." Allein das ist schon durchaus amüsant anzusehen. Und es schlägt ein neues Kapitel im Werk des Regisseurs auf: Er darf mit seiner dritten internationalen Regiearbeit nun endgültig zum Kreis der großen Erzähler gerechnet werden.