Solothurn. Die Solothurner Filmtage feiern das Schweizer Kino; das Festival ist seit jeher eine Art Pendant zur Grazer Diagonale und stellt eine umfassende Werkschau des schweizerischen Filmschaffens aus. Doch in Zeiten von geänderten Sehgewohnheiten der Zuschauer- Stichwort: Netflix am Handy - gerät das Kino als Ort der Filmrezeption zunehmend unter Druck, auch in der Schweiz.

"Dem Kino, wie wir es kennen und lieben, stehen einige Herausforderungen bevor", sagt Seraina Rohrer, die Leiterin der Solothurner Filmtage. "Es gibt derzeit eine solche Fülle von Filmen, die Anzahl ist förmlich explodiert." Das liegt nicht nur an den neuen Streaminganbietern, sondern auch daran, dass heute junge Filmemacher dank digitaler Filmtechnik eher die Chance haben, ihren Erstlingsfilm zu drehen. "Leider bleibt es sehr oft bei diesem einen Film, es gibt zu wenig Nachhaltigkeit in der Filmbranche und zu wenig Mittel, um langfristig Filmkarrieren aufzubauen", so Rohrer. Den Festivals käme dabei eine Schlüsselrolle zu, denn sie sind es, bei denen junges Kino noch seinen Platz fände und sich das Kino als soziales Erlebnis darstellt. "Während wir früher aber den gesamten Output des Schweizer Films gezeigt haben, müssen wir inzwischen aufgrund der Menge eine Auswahl treffen". Das ist - ähnlich wie bei der Diagonale - allerdings auch ein Qualitätsmerkmal. Man könne so als Festival eine Handschrift entwickeln, beziehungsweise eine Haltung vertreten.

Frauenanteil von 30 Prozent

Eine dieser Haltungen bei den Solothurner Filmtagen betrifft das Thema Frauenquote. Das Festival hat kürzlich die internationale Charta für Gleichstellung der Geschlechter und Diversität bei Filmfestivals unterzeichnet - als zweites Festival in der Schweiz, nach jenem von Locarno. "Das Geschlechterverhältnis bei den eingereichten und selektionierten Langfilmen pendelt seit einigen Jahren um einen Frauenanteil von 30 Prozent", erläutert Seraina Rohrer. "Immer noch werden deutlich weniger Filme von Frauen als von Männern gedreht. Detailliertere Statistiken werden uns erlauben, wichtige Daten zum Geschlechterverhältnis in der Schweizer Filmindustrie zu erheben." Nachsatz: "Aber wir sind natürlich am Ende der Filmverwertungskette. Damit sich substanziell mehr Frauen trauen, Filme zu machen, müsste man früher ansetzen, schon in der Ausbildung." Dort seien zwar mehr als 50 Prozent der Studierenden Frauen, diese kämen aber keineswegs in der Arbeitswelt an. Ein Problem, das es ziemlich deckungsgleich auch in Österreichs Filmbranche gibt.

Und dann steht da neuerdings noch die Idee eines Schweizer Netflix-Klons im Raum: Das Bundesamt für Kultur (BAK) schlägt die Gründung einer Streamingplattform für Schweizer Filme vor - dieses "Swissflix" soll sogar kostenlos sein, "da die Bürger ja schon in Form der Filmförderung aus Steuergeldern für die Filme bezahlt haben", meint BAK-Leiter Ivo Kummer. Die Plattform, die bis 2024 kommen soll (zunächst müssen Urheberrechtsfragen geklärt werden), soll dem Schweizer Film ein Leben nach dem Kino gewährleisten, auf dass er nicht in Vergessenheit gerät. Vielleicht auch eine Idee für die hiesigen Filmarchive.

54. Solothurner Filmtage

(bis 31. Jänner)

www.solothurnerfilmtage.ch