Filmmusik ist ein Geschmacksverstärker, hat der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch angeblich gesagt. Ein Mittel also, das die Wirkung der Bilder steigert, ohne sich selbst bemerkbar zu machen. Gewiss, das trifft auf die meisten Soundtracks zu. Einige Klangkulissen ragen aber darüber hinaus: die Melodien von Henry Mancini, Ennio Morricone, John Williams. Oder Michel Legrand.

1932 in Paris geboren, empfing der Franzose seine ersten musikalischen Eindrücke vom Vater, dem Leiter eines Varieté-Orchesters. Sein wichtigster früher Lehrer war aber das Radio: Als Kind habe er ganze Tage damit verbracht, Chansons zu hören und am Klavier nachzuspielen, erzählte er 2017 in der sehenswerten Dokumentation "Michel Legrand - Drei Oscars für die Filmmusik" (verfügbar auf arte.tv). Schließlich kam Legrand am Pariser Konservatorium unter die Fittiche der Ikone Nadia Boulanger. Entgegen deren Bitte schlug der Jüngling nicht den Weg des seriösen Tonsetzers ein, sondern zeigte sich weiter von der Unterhaltungsmusik angetan und vor allem vom zeitgenössischen Jazz. Legrand avancierte zum Begleiter von Maurice Chevalier, eröffnete Chansonabende nicht selten mit Arrangements, die manchem im Saal zu nervös tönten. 1958 war er in der Welt der Improvisationskunst so renommiert, dass seine Platte "Legrand Jazz" mit legendären US-Gästen wie Trompeter Miles Davis, Pianist Bill Evans und Saxofonist John Coltrane auftrumpfen konnte.

Seine eigentliche Karriere vollzog sich freilich im Kinobereich. Begonnen mit Nouvelle-Vague-Filmen wie "Cleo - Mittwoch zwischen 5 und 7", führte der Weg rasch zu französischen Filmmusicals, die Legrand auf der Höhe seiner melodiösen Kunst zeigten. 1964 entstanden "Die Regenschirme von Cherbourg" - ein exzentrischer Streifen, in dem sich selbst banale Dialogtexte in Musik verwandelten. 1967 folgte unter dem Titel "Die Mädchen von Rochefort", mit Catherine Deneuve und Gene Kelly in den Hauptrollen eine knallbunte Hommage an die klassischen Musicalfilme aus Übersee.

Hollywood rief

Dorthin verschlug es freilich auch Legrand. Seine wohl denkwürdigste Hollywood-Arbeit gelang ihm schon mit "Thomas Crown ist nicht zu fassen" (1968). Ohne die Ballade "Windmills Of Your Mind", zu der Steve McQueen als Meisterdieb im Segelflieger durch die Luft gleitet, ohne den Streichersamt in der Schachpartie mit Faye Dunaway wäre der Film nicht zur Ikone avanciert. Drei Oscars hat Legrand, der Meister des wehmütigen, weiträumig gesteigerten Melodiebogens, errungen, den letzten für sein Filmmusical "Yentl" mit Barbra Streisand und dem gefühlssatten Song "Papa, Can You Hear Me?" in den Hauptrollen.

Bis ins hohe Alter hat der Franzose die Vielseitigkeit gesucht, zeigte sich mit Orchester auf der Bühne, charmierte beizeiten auch allein als Klavierinterpret seiner Stücke (etwa beim Jazz Fest Wien 2005). Und: Er hat nach seinem 80. Geburtstag auch noch seiner Lehrerin Boulanger Rechnung getragen und einige klassische Werke verfasst, darunter ein Klavierkonzert. "Ich bin sehr stolz darauf. Es ist ein gutes letztes Kapitel", sagte er im Vorjahr. Am Wochenende ist Michel Legrand 86-jährig in Paris verstorben.