Wien. So ganz wie erwartet kam es dann doch nicht bei der Verleihung des Österreichischen Filmpreises, die Mittwochabend im Wiener Rathaus stattfand. Denn einige der großen Favoriten hatten sich am Ende nicht durchgesetzt: Mit acht Nominierungen ging "Murer - Anatomie eines Prozesses" ins Rennen, mit sieben "Angelo" und mit sechs "L’Animale", doch nur "Murer" von Christian Frosch über den Prozess von Franz Murer, den Judenmörder von Vilnius, konnte sich am Ende einigermaßen behaupten: Er gewann den Hauptpreis des Abends, die Auszeichnung als bester österreichischer Spielfilm, sowie noch eine weitere Trophäe, nämlich jene für die beste Nebendarstellerin, die an die fabelhafte Inge Maux ging.

Die Favoriten besiegt

Für "L’Animale" von Katharina Mückstein blieb nur ein Preis übrig, jener für die beste Musik (von Bernhard Fleischmann). Markus Schleinzers "Angelo" hingegen kam immerhin auf drei Preise, allerdings in den oftmals als "Nebenkategorien" bezeichneten Bereichen Kostümbild (Tanja Hausner), Maske (Anette Keiser) und Szenenbild (Andreas Sobotka, Martin Reiter). Am Ende stahlen ganz andere Filme den Favoriten die Show - und man darf doch sagen: Die Filmkunst ist diesmal durchwegs zugänglicheren Filmen unterlegen.

So konnte "Styx", Wolfgang Fischers Kammerspiel auf offener See, in dem eine Ärztin beim Segeltörn auf ein Flüchtlingsboot trifft, alle drei seiner Nominierungen in (sehr wesentliche) Preise verwandeln: Nicht nur wurden Monika Willi für ihre Schnittarbeit und Fischer und Ika Künzel für das beste Drehbuch ausgezeichnet, am Ende wartete auf Fischer dann auch noch der Österreichische Filmpreis für die beste Regie. Die Überraschung war groß.

Und noch ein Film setzte sich überraschend (und überaus verdient) in wichtigen Kategorien durch: Das knallharte Polizeidrama "Cops" von Stefan Lukacs erhielt neben dem Award für die beste Tongestaltung auch die beiden männlichen Darstellerpreise: Laurence Rupp (Hauptdarsteller) und Anton Noori (Nebendarsteller) sind im Film als junger Cop und sein ultraharter Vorgesetzter zu sehen, deren Zusammenspiel die Jury, bestehend aus den über 500 Mitgliedern der Österreichischen Filmakademie, wohl restlos überzeugte. Mitnominierte wie Andreas Lust, Johannes Krisch oder "Murer"-Darsteller Karl Fischer hatten jedenfalls keine Chance.

Wen wunderte es da, dass dann ein Film, den kaum jemand auf der Rechnung hatte, noch die Preise für die beste Kamera (Klemens Hufnagl) und die beste Hauptdarstellerin (die wunderbare Ingrid Burkhard) bekam: "Die Einsiedler" des Südtirolers Ronny Trocker, in dem Burkhard eine alte Bergbäuerin spielt, die die Emanzipation ihres Sohnes nur schwer ertragen kann. Burkhard setzte sich gegen Birgit Minichmayr ("3 Tage in Quiberon") und Sophie Stockinger ("L’Animale") durch. Als bester Kurzfilm ging Bernhard Wengers "Entschuldigung, ich suche den Tischtennisraum und meine Freundin" vom Feld.

Waldheim zieht

Ruth Beckermanns "Waldheims Walzer" über den Bundespräsidenten-Wahlkampf des Jahres 1986 gewann wie erwartet den Dokumentarfilmpreis. - © Ruth Beckermann Filmproduktion
Ruth Beckermanns "Waldheims Walzer" über den Bundespräsidenten-Wahlkampf des Jahres 1986 gewann wie erwartet den Dokumentarfilmpreis. - © Ruth Beckermann Filmproduktion

Nur eine Auszeichnung an diesem Abend entsprach genau den vorab geäußerten Erwartungen: Ruth Beckermanns "Waldheims Walzer" gewann den Dokumentarfilmpreis; die persönliche Auseinandersetzung mit Kurt Waldheims Wahl(kampf) 1986 wurde zuvor schon als Österreichs Beitrag für den Oscar eingereicht, scheiterte dort aber schon im Vorfeld klar an der Shortlist. So endet der Siegeszug für Beckermanns Film, der bereits vor einem Jahr bei der Berlinale begann, nicht in Los Angeles, sondern in Wien, am Ort seines Geschehens. Er hat damit erreicht, was Ziel der Österreichischen Filmakademie ist: Dass die eigene Branche im eigenen Land die eigenen Filme hochhält. Das war ja nicht immer so.