Erforscht seine Schauplätze und Milieus geradezu besessen: Fritz Lehner. - © apa/Hans Punz
Erforscht seine Schauplätze und Milieus geradezu besessen: Fritz Lehner. - © apa/Hans Punz

Kann es sein, dass man mit Mördern sympathisiert? Nicht etwa mit sprichwörtlichen armen Hunden, Erniedrigten und Beleidigten, sondern mit narzisstischen Serienmördern, die ihre Verbrechen perfid planen und sich viel auf ihre Intelligenz einbilden? Dass man sich mit ihnen freut, wenn ihr tödliches Werk perfekt gelingt? Sie bewundert, wie clever sie die Polizei auf falsche Fährten locken? Mit ihnen mitleidet, wenn der Arm des Gesetzes schließlich doch nach ihnen fasst?

Ja, so etwas gibt’s. Fritz Lehner macht es möglich. Seine Krimis "Seestadt", "Nitro" und "13A" machen den Leser zum Komplizen der Täter und zum Feind des Ermittlers, der in allen drei Fällen der mäßig sympathische, ungehobelte Stieglitz ist.

"Das ist, was den Reiz von Fiktion ausmacht. Es geht um das Spiel mit dem Leser, den ich von Anfang an mit dem Mörder verbinde", erklärt Lehner, der sich beeilt, die Distanz solcher Fiktion zu seiner persönlichen Weltsicht klarzustellen. "Ich bin ein eher ängstlicher Mensch, der jede Form von Gewalt und Verbrechen verurteilt. Schon eine Streiterei in einem Gasthaus kann mir Angst einflößen. In der Realität bin ich auf der Seite der Opfer. Ich bin sogar der Meinung, dass die Opfer viel zu wenig beachtet werden. Aber der Reiz des Romans ist, dass es andere Darstellungsmöglichkeiten gibt."

Exakte Recherche

Als Autor - Lehner lehnt das Wort "Schriftsteller" als hochtrabend ab - interessiere ihn das Verbotene. "Es gibt in der Realität so viele Verbote und Vorschriften - die ich natürlich berechtigt finde und auch einhalte -, dass das Schreiben für mich ein Ort des Ausweichens ist. Was ich aber schon auch möchte, ist: den Serienmördern gerecht werden und ihre Ungeheuerlichkeit nicht beschönigen. Sie werden in der Regel als unzurechnungsfähig dargestellt, und das sind viele nicht."

Die Jury des Leo-Perutz-Preises konnte Lehner jedenfalls überzeugen. Sie verlieh ihm 2018 für sein Buch "Nitro" die renommierte Auszeichnung, die jährlich vom Hauptverband des österreichischen Buchhandels und der Kulturabteilung der Stadt Wien für außergewöhnliche Kriminalromane mit Wien-Bezug vergeben wird.

"Mit einzigartiger und eigenwilliger Sprachgewalt entwirft Lehner in ,Nitro‘ die Topographie eines kranken Geistes - und die Topographie eines Stücks Wien (. . . ). Mit einer Akribie, die nur aus exakter Recherche und persönlicher Erfahrung kommen kann, zeichnet Lehner seine Schauplätze mit fotografischer Genauigkeit. Das verleiht NITRO eine Wirklichkeitsnähe und Treffsicherheit in der Schilderung von Stimmungen, die einen schaudern lässt", heißt es in der Begründung der Jury.