Ausgestattet mit nichts anderem als einem besonders gütigen Herzen, wird Gelsomina, die in bitterste Armut hinein geboren wird und ihr nie entkommt, ähnlich wie Chaplins "Tramp", zu einer Art Identifikationsfigur für die Geknechteten dieser Erde. Mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film geadelt und von Louis Aragon für den schönsten Film der Welt gehalten, wird "La Strada" zum Auftakt einer Karriere, in der Fellini, der noch weitere Meisterwerke mit Masina dreht, schon bald so berühmt sein wird wie sein Mentor Roberto Rossellini. Bei dessen Meisterwerk "Roma, città aperta" (1945) hatte Fellini als Drehbuchautor debütiert.

Rom als Mittelpunkt

Rom bleibt nicht nur der Ort seines beruflichen Anfangs, die Stadt am Tiber wird dem 1920 Geborenen, der in Rimini aufwuchs und seine Karriere in Rom als Journalist und Karikaturist begann, zur Heimat und zum gedanklichen und geographischen Mittelpunkt seines filmischen Schaffens. Und auch zu einem der wesentlichen Faktoren seines Erfolgs. Fellini ohne Rom? Undenkbar!

Immer wieder spielen Fellinis Filme in und rund um die Ewige Stadt, immer wieder durchwandern, durcheilen und durchfahren - wenn sie nicht gerade im Stau stecken - Fellinis Protagonisten die engen Gassen und weiten Straßen, und schenken dem Kinopublikum dabei en passant herrliche Veduten. Wobei Fellini die gesamte einstige und jetzige Bevölkerung Roms - von der Antike bis in die Gegenwart - explizit mit zu den absoluten Sehenswürdigkeiten rechnet und sie deshalb auch in all ihren sozialen, intellektuellen und moralischen, sowie ganz dezidiert auch physischen und modischen Ausprägungen höchst lustvoll zur Schau stellt.

Modeschau für Priester

Der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen ist dabei nie groß, und Fellini ein Meister der Kunst, diese beiden Phänomene zu einem zu verschmelzen, in dem er das Charakteristische an seinen Figuren, zum Beispiel die Eitelkeit, langsam und subtil ins Groteske steigert. Eine der längsten und schönsten diesbezüglichen Sequenzen (in "Roma", 1972) spielt in einem römischen Palast. Die Adeligen der Stadt haben sich eingefunden, um, im Beisein eines Kardinals, einer ebenso exklusiven wie glanzvollen Modenschau der besonderen Art beizuwohnen: Es werden Kleider für Priester und Nonnen vorgeführt.

Das von vornherein absurd anmutende Spektakel beginnt in angemessenem Tempo, also gemessenen Schrittes, nimmt aber in genüsslich zelebrierter Weise Fahrt auf - im wahrsten Sinne des Wortes: Priester, die dabei Händchen halten, umrunden selig lächelnd das Geviert des Laufstegs auf Rollschuhen - und steigert sich zu einem Crescendo der Farbenpracht und Leuchtkraft, bei dem schließlich Neonlichter auf den Tiaren der defilierenden Würdenträger zu blinken beginnen, bevor Fellini, der mit diesen Bildern hypnotische Wirkung entfaltet, und zwischendurch immer wieder einen Gang höher schaltet, die in Rom so ungemein zahlreich residierenden hohen und höchsten katholischen Würdenträger wieder unbeobachtet und in Frieden lässt. Bis zum nächsten Mal.

Fellini und die katholische Kirche, das ist eine Geschichte für sich. In "La dolce vita" (1960), in dem er das frivole Treiben der gelangweilten römischen High Society in einer losen Abfolge von Szenen hinreißend porträtiert, steigt er der Kirche nicht nur auf die Füße, sondern - mit optisch grandioser Wirkung - auch aufs allerheiligste Dach: In der ikonischen ersten Szene schwebt eine riesige, an einem Helikopter hängende Christus-Statue über Rom Richtung Petersdom, und etwas später läuft eine vollbusige Filmdiva hinauf in dessen Kuppel - wobei beiden, der Statue und der Sexbombe, der Protagonist des Films, der Klatsch-Journalist Marcello Rubini (Marcello Mastroianni) nacheilt, an Ersterer rein beruflich, an Letzterer hauptsächlich privat interessiert. Während daheim, in einem Wohnblock an der Peripherie, seine Verlobte, ebenso vergeblich wie verzweifelt, auf ihn wartet.