Verliert ihren Lebensmut nicht: Giulietta Masina als Prostituierte Cabiria in "Le notti di Cabiria" (1957). - © Österr. Filmmuseum
Verliert ihren Lebensmut nicht: Giulietta Masina als Prostituierte Cabiria in "Le notti di Cabiria" (1957). - © Österr. Filmmuseum

Eine eigene Geschichte sind bei Fellini natürlich auch die Frauen. Und zwar eine heikle, zumindest vom rigiden Standpunkt der heutigen political correctness gesehen. Denn Fellini, der sich offen dazu bekannte, gerne große Frauenhintern zu betrachten, hat zwar nie alles Fleischliche explizit gezeigt, aber nichts ausgespart, was es realistischerweise über die Beziehungen zwischen Frauen und Männern zu sagen gibt. Und er bewies dabei nicht nur Mut, sondern auch Phantasie.

Man erinnere sich etwa an die Traumszene in "Otto e mezzo", in der Guido, angetan mit schwarzem Cowboyhut, an einem eisigen Winterabend in seinen Harem heimkehrt, dort von einem Dutzend ihm untertänigst ergebener Frauen freudig empfangen, verwöhnt und verhätschelt wird: Die reine Idylle, geradezu himmlisch, zumindest aus Guidos Sicht - bis plötzlich gegen seine Willkür aufbegehrt wird, die Scheinharmonie des Systems wegbricht, eine Revolte droht, und Guido von einer Sekunde zur anderen vom sanften Pascha zum Peitsche schwingenden Despoten wird.

Ein Herz für Schufte

An dieser Stelle, zur Orientierung, der Hinweis, dass in "Otto e mezzo" ständig Traum, Phantasie und Realität verschwimmen, das ist öfter so bei Fellini, und besonders bei diesem Film, der vom Psychoanalytiker C.G. Jung inspiriert ist. Aber man kommt nicht umhin, zu bemerken, dass Guido auch in der "Realität" wenig von ehelicher Treue hält - und in so gut wie allen Filmen von Fellini zumindest einer der Protagonisten ebenfalls fremd geht. Der schöne Fausto in "I vitelloni" etwa, ein ganz sagenhafter Taugenichts, der seine junge, geradezu abgöttisch in ihn verliebte Frau Sandra andauernd betrügt.

Fellini hatte, das kann man so zusammenfassen, für fast alle Protagonisten seiner Filme ein Herz. Für Geschundene wie Gelsomina und Sandra ebenso wie für Schufte wie Guido und Fausto. Und, umgekehrt, haben bei ihm auch die meisten Schufte ein Herz - selbst wenn sie es, wie Fausto, bis zum Schluss gut verbergen. Oder, wie Zampano, erst bemerken, wenn es für ein Happyend leider schon viel zu spät ist.

Mit reinen Tugendbolden konnte Fellini wenig anfangen. Sie waren ihm als Protagonisten zu langweilig. Zu ihnen stand er stets in spöttischer Distanz. In den Adern seiner Figuren war Blut, und zwar überall, wo es naturgemäß hingehört, also zuweilen auch im Unterleib.

Allerdings war Fellini einer, dem es nicht gefiel, wenn sich in Menschen das Blut allzu oft oder aus nicht humanem Anlass staute. Seine düstere, 1976 entstandene Verfilmung des Lebens von Casanova, den er nicht von Mastro-ianni, sondern von Donald Sutherland spielen lässt, ist eine grimmige Abrechnung mit einem Mythos. Bei Fellini ist der berühmte Liebhaber eine tragische, völlig vereinsamte Figur, die - in Anlehnung an E.T.A. Hoffmann - auch einen mechanischen Automaten besteigt. Alle menschliche Wärme ist schon lange davor aus dem steif gewordenen Mann gewichen, der ganz zu einer grotesken, grauenhaften Kopulationsmaschine verkommen ist.