Diese radikal ernüchternde Sichtweise gefiel nicht allen. Luis Buñuel etwa, der viele frühere Filme von Fellini sehr mochte, verließ die Vorstellung von Casanova bereits "lange vor Schluss". Seine Reaktion ist vielleicht bezeichnend für das Spätwerk von Fellini. Am Beginn seiner Karriere hatte Fellini vor allem Filme über Themen und Menschen gemacht, die er sehr gut kannte, bewunderte und gerne mochte. Er wollte Zirkusartist werden, und diese Liebe zum Zirkus, zum Varieté, zu Gauklern, zum fahrenden Volk und generell zu den einfachen Leuten, die redeten, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, die fluchten und witzig waren und mit ihrem losen Mundwerk stets auch um ihre Würde und nackte Existenz kämpften, merkt man seinen frühen Filmen an.

Ein Jahrzehnt später, in den 60er Jahren, löste er sich von diesen Milieus, seine Protagonisten lebten nicht mehr von der Hand in den Mund - und Fellini blieb dennoch erfolgreich. Kein Wunder, denn sehenswert sind natürlich auch die Sorgen und Marotten der High Society, deren Dokumentation und Bloßstellung sich Fellini in Filmen wie "La dolce vita", "8 ½" und "Julia und die Geister" mit ebenso feinem wie tiefsinnigem Witz widmete. Irgendwann war dann aber Schluss mit lustig. Sowohl die großen gesellschaftlichen wie auch die "kleinen" privaten Veränderungen forderten ihren Tribut. Nachdem ihm zwei seiner treuesten und wichtigsten Wegbegleiter weggestorben waren - 1972 der Drehbuchautor Ennio Flaiano, 1979 Nino Rota, der für alle Meisterwerke die kongeniale Musik komponiert hatte - und nachdem die sexuelle Revolution seinen frühen Filmen den Stachel und Reiz genommen hatte, blieben Fellini als dankbares Publikum nur mehr die Intellektuellen.

"Amarcord", aus dem Jahr 1973, eine wunderschöne Reminiszenz an seine Jugend in Rimini, war der letzte Film von Fellini, der in John Kobals Liste der 100 Meisterwerke aufgenommen wurde - und er war auch für längere Zeit der letzte, bei dem Fellini Außenaufnahmen drehte. Danach zog er sich - bedrückt sicher auch von der Ermordung seines Kollegen Pier Paolo Pasolini, mit dem er einmal zusammengearbeitet hatte - für Jahre in die Studios von Cinecittà zurück, um dort, fernab vom Staub der Straßen, aber auch vom Zauber des Zufalls, finster stimmende Filme zu drehen, die sich in allegorischer Weise so traurigen Themen widmen wie der permanenten Regierungskrise in Italien ("Orchesterprobe", 1979) und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ("E la nave va", 1983), oder satirisch den verrohten und vertrottelnden Mechanismen des Fernsehens ("Ginger und Fred", 1986).

Unvergessliche Bilder

Auch diese Filme sind bemerkenswert gut und wurden in den Feuilletons gefeiert, aber sie haben oft einen Makel, nämlich den, dass einfachere Menschen sich von ihnen nicht mehr angesprochen fühlen - vielleicht, weil Fellini sich etwas zu weit von ihnen entfernt und ein wenig zu sehr über sie erhoben hatte.

Fellini mit Darstellerin und Ehefrau Giulietta Masina am "Casanova"-Set, 1975. - © Getty Images/Santi Visalli
Fellini mit Darstellerin und Ehefrau Giulietta Masina am "Casanova"-Set, 1975. - © Getty Images/Santi Visalli

Aber natürlich bleiben - auch wenn Fellini, ähnlich Casanova, am Ende übers Ziel hinaus geschossen ist, und seine Virtuosität Phänomenen gewidmet hat, denen kein Humanist, auch der begabteste nicht, Tröstliches abgewinnen kann - unvergessliche Filme und Bilder vom ihm bestehen: Anita Ekberg, die aus dem Trevi-Brunnen steigt, schön wie die Venus von Botticelli; die römischen Fresken in "Satyricon" und "Roma"; all die Menschen, tags auf der Spanischen Treppe, abends in Trastevere, die Rom in eine einzige große Bühne verwandeln; die nächtliche Wanderung der Schafherde durch die Ewige Stadt - und zu noch späterer Stunde die Luftballons, die dem Clown bei seinem Abgang aus dem Rampenlicht folgen. Und über all dem die elegische Musik von Nino Rota.

Und es bleiben von Fellini, der seinen Weg in der Mitte suchte, und die heikle Balance zwischen dem Wert des Individuums und jenem des Kollektivs meist punktgenau traf, zeitlose Figuren, von denen man Existenzielles lernen kann. Wie die Prostituierte Cabiria in "Le notti di Cabiria" (1957), deren Schicksal fast so tragisch ist wie das von Gelsomina. Die aber, allem Unglück zum Trotz, ihren Lebensmut doch nicht verliert. Federico Fellini (unterstützt von Pier Paolo Pasolini) gab dieser Heldin des Alltags die Gestalt. Giulietta Masina, die ein halbes Jahrhundert lang, bis zu seinem Tod 1993, mit Fellini verheiratet war, gab ihr das Gesicht.