Berlin. "Ich weiß nicht, woran es liegt, dass ich mich für hoffnungsvolle Geschichten so sehr begeistern kann", sagt die dänische Regisseurin Lone Scherfig. "Aber es ist nun mal so, dass ich grundsätzlich ein optimistischer Mensch bin". Scherfigs Film "The Kindness of Strangers" eröffnete am Donnerstag die 69. Filmfestspiele von Berlin und tritt im Wettbewerb um den Goldenen Bären an.

Scherfig erzählt aus dem Leben verschiedener Protagonisten, die sich allesamt mehr oder weniger hart im Alltag New Yorks zurechtfinden müssen. Eine junge Mutter (Zoe Kazan) zweier Söhne ist mit ihren Kindern hierher gekommen, weil der Vater, ein Polizist, seine Buben schlägt; die Frau ist auf der Flucht, für die Kinder aber soll der Trip so etwas wie Sightseeing sein. Völlig mittellos gerät sie mehr und mehr in die Enge und muss bald schon an der örtlichen Obdachlosenausspeisung teilnehmen. Dort lernt sie andere Menschen kennen, die wiederum mit ihren jeweiligen Schicksalen zu kämpfen haben, darunter auch eine heillos überforderte, aber herzensgute Krankenschwester (Andrea Riseborough) oder einen Ex-Häftling (Tahar Rahim), der in einem russischen Restaurant (geführt von Bill Nighy) kocht.

Scherfig verbindet ihre Schicksale mit stark konstruierten Wendungen, der Film wird - auch dank eines nervenden Scores, der sich bei jeder menschelnden Szene einmischt - schnell zum Sozialkitsch. Aber: Ihr Anliegen, für eine bessere, positive Welt zu kämpfen, bringt Lone Scherfig mit "The Kindness of Strangers" mit viel Enthusiasmus und Nachdruck rüber. "Man muss sehen, dass Fremde oft mehr Güte im Herzen tragen und einen diese Güte auch spüren lassen, als so mancher nahestehende Verwandte", erläutert Scherfig den Titel ihres Films. Und Bill Nighy ergänzt: "In einer gefühlskalten Zeit wie dieser ist es unabdingbar, dass wir die Dinge, die uns einen, in den Vordergrund stellen, anstatt die Dinge zu betonen, die uns trennen. Wenn das das Ziel eines Films ist, dann kann man das nur gut finden".

Für Lone Scherfig bedeutet die Rückkehr nach Berlin auch etwas Besonderes: 2002 trat sie hier mit ihrem famosen Film "Italienisch für Anfänger" an, es war damals das erste Jahr von Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Und nun, in seinem letzten Jahr, ist sie wieder im Wettbewerb vertreten. "Irgendwie eine runde Sache", freute sich Kosslick, der nach der Berlinale das Amt des Festivalchefs an das neue Duo Mariette Rissenbeek (kaufmännische Leitung) und Carlo Chatrian (künstlerischer Leiter) übergeben wird.